Das Waldfest

Sieh den kleinen Jungen, wie er friedlich in seinem Bett liegt und schläft. Seine Augen zucken aufgeregt hin und her; er scheint etwas Schönes zu beobachten, denn seine Lippen sind zu einem feinen Lächeln verzogen. Er wandert über eine Wiese mit bunten Blumen, deren Köpfe zu erholsamem Schlaf geschlossen sind, über ihm der volle Mond, der alles in silbernes Licht taucht. Am Ende der Wiese ist ein großer Wald. Der ist es, auf den der Junge zusteuert. Er kann es kaum erwarten endlich dort anzukommen und in seine tiefen Geheimnisse einzudringen, die sich ihm freiwillig in kleinen Stücken offenbaren. Welche Wunder wird er diesmal kennen lernen; welche Spiele werden Sie ihm diesmal zeigen? Wohin werden Sie ihn diesmal führen?

Die Gräser und Büsche unter den erhabenen Bäumen werden silbrig erleuchtet oder werden von Schatten bedeckt und bilden sichere Teiche der Dunkelheit. Doch der Junge braucht sich nicht zu verstecken, denn Sie sind seine Freunde; Sie haben ihm schon so viele schöne Dinge gezeigt. Er greift in seine Tasche und findet wie erhofft die kleine silberne Flöte, die Sie ihm geschenkt haben, als er das letzte Mal bei Ihnen war. Er findet immer die Geschenke der letzten Nacht in seinen Taschen, wenn er Sie besucht. Während ihn seine hüpfenden Schritte weiter in den Wald führen, spielt er die Flöte. An seine Lippen gesetzt gibt sie fast von allein zarte Melodien von sich, und wie der Mondschein legen diese sich kalt und schön über die Landschaft. Langsam - während er weitergeht - bedecken sie wie eine glitzernde Decke den Boden und die Büsche, und sie bleiben noch lange liegen, auch wenn er den Ort schon längst verlassen hat. Kleine Tiere bleiben stehen und lauschen der Klängen.

Die Lichtung, die er jetzt betritt, kennt er schon. Er war schon letzte Nacht hier, und in ihrer Mitte war ihm der Wolfswelpe begegnet und hatte mit ihm gespielt. Die Welpe war es, die ihm statt des Stöckchens irgendwann die Flöte brachte, und dann im Wald verschwand.

Heute steht ein ausgewachsener grauhaariger Wolf am Rande der Lichtung und wartet auf ihn. Er soll sich auf seinen Rücken setzen, und gemeinsam fliegen sie durch den Wald. Die Pfoten des Wolfes machen kaum Geräusche, wenn sie auf die Blätter und Nadeln des Bodens treten und sie beide ein gutes Stück weiter nach vorne bewegen, immer weiter und weiter und schneller und schneller. Der Junge wagt es nicht vor Freude zu juchzen, zu sehr würde das die Stille stören, und es würde Sie vielleicht verärgern, doch er geniest es, so schnell durch die Nacht zu fliegen und den Wind in seinem Gesicht zu fühlen. Er lacht leise.

Immer mehr Bäume rasen an ihnen vorbei und die zurückgelegte Strecke wird größer und größer. Der Junge sieht etwas aufblitzen, aber es ist zu weit entfernt, um es zu erkennen. Es sah aus wie eine silberne Eiche, die goldene Blätter gen Himmel streckte. Schließlich gesellt sich ein weiterer Wolf zu ihnen und dann noch einer und noch einer. Ein ganzes Rudel läuft mit ihnen zusammen durch das Unterholz; doch er ist der Anführer, der auf dem Rücken des stärksten der Wölfe sitzt; er ist ganz vorne und kann bestimmen, wo es langgeht.

Als sie auf einer weiteren, viel größeren Lichtung ankommen, die sich tief in dem weiten Wald befindet halten sie an. Der kleine Junge springt ab und rennt weiter; er möchte noch nicht anhalten, möchte noch ein wenig die Geschwindigkeit erleben. Doch in der Mitte der Lichtung steht der Schößling einer Linde; er ist fast so groß wie der kleine Junge und mit einer kristallenen Schicht überzogen; es ist Eis. Das Mondlicht wird von dem kalten Überzug eingefangen und verirrt sich darin, bis es als feines Glitzern wieder freigelassen wird.

Der alte Wolf gibt sich inzwischen zu erkennen, als das, was er ist. Er gehört zu Ihnen.

Das Bett des kleinen Jungen ist leer. Die hellbraunen Lederschuhe, die sonst immer ordentlich nebeneinander am Kopfende des Bettes stehen, sind verschwunden. Nur unter dem Bett - unbemerkt von seinen liebenden Eltern - liegt noch ein kleiner Haselnusszweig.

Der alte Wolf fängt an, lustige Bewegungen zu machen; er hüpft umher, und seine Arme schwingen dabei herum. Die kleinen Glöckchen an seinen Schuhen geben klingelnde Geräusche von sich. Immer schneller hüpft er hin und her, und schließlich ergibt das Klingeln der Schuhe eine Melodie. Der kleine Junge kennt die Melodie, denn seine Mutter hat sie ihm immer vorgesungen, wenn er wegen eines Alptraums nicht einschlafen konnte.

Sieh nur, die beiden sind allein auf der hellen Lichtung und tanzen gemeinsam um den Schößling der Linde herum. Sie scheinen viel Spaß zu haben, denn beide lachen laut und fröhlich, und der alte Wolf erzählt eine Geschichte über unsterbliche Elfen und ihre Schlösser unter den Hügeln. Nicht weit entfernt sind noch mehr von Ihnen, und auch Sie spielen ein lustiges Spiel bevor Sie auf die Lichtung gehen und mit dem Jungen zusammen lachen und tanzen wollen. Sie sitzen neben einem Bächlein, das in die Stadt führt, aus der der kleine Junge kommt. Sie lassen die Bachgräser wachsen. Die grünen Lanzetten werden größer und verändern die Farbe, die ihnen das Mondlicht gegeben hat. Heller werden sie und beginnen zu glitzern. Dann reißt die schwache Strömung des Bächleins Teile von ihnen ab und trägt die funkelnden spröden Bruchstücke weiter in die Stadt, wo Kinder sie beim Dammbau finden und sich erfreuen können an ihrem Glitzerspiel. Vielleicht werden sie etwas davon mit nach Hause nehmen und in ein kleines Kästchen legen, und wenn sie krank werden und mit bösen Bauchschmerzen im Bett liegen müssen, dann können sie das Kästchen aufmachen und sich über das Glitzern freuen und können sich Geschichten ausdenken über weit entfernte Schlösser, in deren Garten nur silberne und goldene Blumen wachsen, und Früchte aus Edelsteinen reifen. Ihre Eltern werden nach dem Tod der Kinder die Kästchen finden, und ihr einziger Trost wird sein, dass die Kleinen wenigstens noch ein bisschen Spaß an ein paar Schnipseln Silberpapier hatten.

Lachend gehen Sie von dem Bächlein fort und zu der Lichtung, auf der der kleine Junge ganz außer Atem immer noch mit dem alten Wolf um den Schößling der Linde tanzt und sich Geschichten anhört.

Doch sieh: Es sind noch andere angekommen, die sich zum Tanz dazugesellt haben. Eine kleine Schar hüpft um den Eisbaum und viele von Ihnen haben ihrerseits begonnen zu erzählen, so dass sich die vielen Geschichten zu einem feinen Summen vereinen. Die beiden Neuankömmlinge lachen noch über den gelungenen Scherz, den sie mit dem Städtchen gemacht haben und gesellen sich zu Ihnen. Und langsam beginnen die Geschichten zu verebben, doch wird es auf der Lichtung deswegen nicht ruhiger, denn jetzt beginnen die Lieder. Kleine Instrumente erklingen, und einige von Ihnen, die keine Instrumente besitzen, fangen an zu singen. Ein stiller Beobachter könnte eine zauberhafte Musik vernehmen, wie der zarte Duft von rotem Flieder.

Der kleine Junge setzt sich ganz außer Atem an den Rand des bunten Treibens, und als ob er einen Befehl gegeben hätte, gesellen Sie sich zu ihm, hören auch auf zu tanzen und setzen sich in einem Kreis um die Linde. Die Melodie erklingt noch lange und der kleine Junge lauscht ihr mit geschlossenen Augen und wird müde.

Seine Eltern haben den Haselnusszweig unter seinem Bett entdeckt; sie sind sprachlos über die Reinheit des Holzes, das zu dieser Jahreszeit gar keine Nüsse tragen dürfte. Sie rufen nach ihrem Sohn und beginnen ihn zu suchen, als er nicht antwortet.

Auf der Lichtung beginnen Sie an dem kleinen Jungen zu zupfen noch bevor er richtig einschlafen kann, und seine staunenden Augen sehen, wie Sie süße Äpfel und Kirschen an dem eisüberzogenen Lindenschössling wachsen lassen. Er darf sich davon nehmen und lacht wieder; die Müdigkeit ist wie weggeblasen. Sie sehen, dass es ihm schmeckt, und dass er Hunger hat, und Sie erschaffen Kuchen und andere Süßigkeiten, die Sie ihm schenken. Er kann essen so viel er will. Einer von Ihnen erhebt sich und fordert alle Interessierten auf, einen kleineren Kreis zu bilden, so dass alle sehen können, was Er zeigen will. Neugierig setzt sich der kleine Junge dazu und beobachtet wie Er aus einem kleinen Samen eine große Sonnenblume wachsen läßt. Sie wird immer größer, überragt den kleinen Jungen um das doppelte und öffnet schließlich ihre Blüte, die ein klein wenig Sonnenlicht verbreitet und den Kreis der Neugierigen erhellt. Der kleine Junge lacht, als die Blüte aufgeht, und Sie lachen, als die Blume ihren kurzen künstlichen Lebenszyklus beendet und erst die lichtspendende Blüte und dann ihre Blätter und ihr Stil verwelken und braun und leblos auf den Boden sinken, um dort zu verwesen. Doch der kleine Junge sieht das gar nicht mehr, er ist schon aufgesprungen und hat sich zu einem anderen kleinen Kreis gesellt, dessen Insassen ihm ein weiteres Spiel zeigen wollen.

Sie halten sich an den Händen und stellen sich mit den Gesichtern zueinander hin. Dann beginnen Sie langsam im Kreis zu laufen und werden nach und nach immer schneller. Dem kleinen Jungen wird bald schwindelig, doch er wird mitgezogen und rennt weiter bis die Umgebung um ihn herum verschwimmt. Auf einmal hoppelt ein Hase mit in dem Kreis - und jetzt ein Fuchs. Dort ein junger Wolf; vor ihm ein Dachs. Und sieh, der kleine Junge rennt mit einem halben Duzend Tieren im Kreis herum und lacht und schreit. Schließlich löst sich der Kreis auf und sie toben über die Lichtung; er spielt mit dem Hasen fangen, der sich aber immer wieder hakenschlagend davonmachen kann; er reitet kurz auf dem Wolf und balgt sich mit dem Dachs. Einige von Ihnen gesellen sich dazu, und das ganze wird zu einem riesigen Verstecken-und-Suchen-Spiel, bei dem schließlich auch die Tiere des Waldes in völliger Selbstverständlichkeit teilnehmen. Pärchenweise ziehen Sie sich später mit den Tieren zurück und praktizieren außer Sichtweite zwischen den Bäumen die Liebe, auf eine Weise, die für den kleinen Jungen noch völlig fremd ist.

Der die Blume wachsen ließ geht an den Rand der Lichtung, und ein paar gehen mit Ihm. Dort läßt Er wieder etwas wachsen, und ein parasitärer Pilz wuchert schnell über den alten Baum, um den Sie sich versammelt haben. Und wieder lachen Sie, denn Sie können hören, wie der Pilz die vielen hundert Jahre Leben aus dem Baum saugt, und wie sein Holz morsch und brüchig wird, wie er am Schluss mit fleckigbraunen hängenden Blättern stirbt.

Die Eltern rennen rufend durch den Wald; sie rufen nach ihrem Sohn. Nachbarn haben sich dazugesellt, um bei der Suche zu helfen. Doch hier am Rande des Waldes finden sie ihn nicht; hier finden sie nur die kleinen Körper toter Tiere, die kalt auf dem Boden liegen. Fast sieht es so aus, als ob sie von etwas hypnotisiert worden wären - vielleicht von einer Melodie - und dann erstarrt, wie sie waren, einfach starben. Seine Mutter weint. Sie hofft, dass ihm nicht das gleiche geschehen ist wie den Tieren, und ihr Mann tröstet sie, während sie immer weiter in den Wald gehen, um ihren Sohn zu suchen.

Das Versteckspiel wird unterbrochen. Die Königin kommt! Sie betritt die Lichtung und setzt sich auf den großen Stein, den Sie ihr zu diesem Zwecke beschafft haben. Huldvoll begrüßt sie ihren Gast. Der kleine Junge geht ehrfürchtig auf sie zu, denn er hat die Königin noch nie zu sehen bekommen. Schon oft haben Sie von ihr erzählt, und dass er sie bald kennen lernen würde, aber er wusste nicht, dass es heute bei dem Waldfest geschehen würde. Die Königin ist schön (fast so schön wie seine Mutter), sie gibt ihm die Hand und lächelt ihn an. Der kleine Junge ist verlegen und blickt sich hilfesuchend um, doch alle stehen nur um ihn herum und sehen ihm zu. Einer von Ihnen - er ist nur so groß wie ein Insekt - summt heran und setzt sich auf seine Schulter.

"Los," raunt er, "nur keine Scheu. Sie beißt nicht." Dabei kichert er. "Nein, beißen tut sie ganz bestimmt nicht!"

Dieser Art ermutigt macht der kleine Junge eine Verbeugung und küsst der Königin die Hand. So hat er es doch in den Märchenfilmen im Fernsehen gesehen. Und Sie lachen alle auf - fast hat er den Eindruck Sie würden sich über ihn lustig machen. Doch dann blickt er ins Gesicht der Königin, sieht ihr freundliches Lächeln, und sie schenkt ihm eine wunderschöne, dunkelrote Kirsche. Süß und lecker ist sie. Und jetzt weiß der kleine Junge, dass auch die Königin seine Freundin ist, und als sie ihm die Arme entgegenstreckt, springt er hinein und kuschelt sich in ihr weißes weiches Haar.

Alle sind jetzt auf der Lichtung versammelt und stehen im Kreis um den Schößling der Linde, der unter der dicken Eisschicht erfriert. Einige unterhalten sich über den Spaß, den Sie mit den Tieren hatten und überlegen, ob Sie vielleicht ein Gedicht oder ein Lied darüber schreiben sollten. Der Akt ist vorüber und in den nächsten Monaten werden die Tiere eine Schwangerschaft beendet haben. Sie unterhalten sich darüber, dass Sie dabei sein wollen, um zu sehen, was Sie gezeugt haben; Sie wollen sehen, was für lustige Kreaturen aus Ihrem Samen entstanden sind. Vielleicht überleben ja sogar ein oder zwei davon ein paar Tage.

Immer enger ziehen Sie den Kreis um die Königin mit dem kleinen Jungen, denn seine Magenschmerzen haben gerade begonnen. Die Königin hat lange Holzsplitter aus dem Lindenschössling wachsen lassen, die sie jetzt in die Hand nimmt, während sie den Jungen weiter festhält. Ihr Lächeln wirkt etwas kühler, als sie den Spitzesten erhebt, um ihn zu benutzen, und der Junge beginnt nach seiner Mutter zu rufen. Seine Rufe sind sogar noch ein wenig lauter und durchdringender als ihre.

Copyright 1998 by Andreas Melhorn

Nachbemerkung

Diese Geschichte kam insgesamt nicht sehr gut an bisher. Falls sich jemand davon belästigt fühlt, tut mir das leid, sie war nur als Experiment gedacht. Vielleicht lösche ich sie irgendwann von der Seite.

Vielleicht meine einzige echte Horrorgeschichte, aber das bleibt zu diskutieren. Sie entstand unter der Fragestellung: "Warum muss das Böse immer hässlich sein?" Soweit ich weiß, ist das Bild Public Domain. Das Buch, von dem ich es habe, schrieb als Quellenangabe: Archiv für Kunst und Geschichte, Berlin.

Dieser Text ist © by Andreas Melhorn. Er darf für den Eigenbedarf beliebig kopiert werden, bitte lasst nur den Copyright-Vermerk mit meinem Namen bei der Geschichte. Druckrechte behalte ich mir für alle Fälle vor. Jeder Link auf diese Seite wird mit Freuden begrüßt.