Vorbemerkung

Delta Green entstand 1928 nach dem geheimen Überfall der US-Regierung auf Innsmouth und war viele Jahre lang offizielle anti-paranormale Einsatztruppe, die sich um Aufklärung und Beseitigung von übernatürlichen Phänomenen auf US-Boden kümmerte. Mitglieder der Gruppierung waren in ihrer Akte mit einem kleinen grünen Dreieck gekennzeichnet. Nach einer spektakulär fehlgeschlagenen Operation in Kambodscha 1969 wurde Delta Green offiziell aufgelöst. Doch einige Mitglieder wollten dies nicht akzeptieren und trafen sich heimlich in Washington zu einer Besprechung. Später wurden alte Mitglieder informiert, dass Delta Green inoffiziell wieder aktiv sei; noch später wurden alte Kontakte wieder aufgenommen.

Delta Green existiert auch heute noch als geheime, illegale Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, paranormale Einflüsse auf die Menschheit zu beseitigen. Delta Green hat aufgrund der nötigen Geheimhaltung eine relativ schlechte Organisation und kaum Geld. Die Gruppe besteht aus Mitgliedern unterschiedlichster Organisationen (z. B. dem FBI, dem CDC oder der NSA), die regelmäßig ihr Leben und ihre geistige Gesundheit riskieren, um der Menschheit den einen oder anderen Aufschub bis zur Auslöschung zu gewähren. Schriftlich wird aus Angst vor Diebstahl und Spionage kaum etwas festgehalten. Alles Wissen ist verteilt auf verschiedene Köpfe und erreicht oft nicht die Orte an denen es gebraucht wird.

 


Die Substanz

Wir wissen, wie die Geschichte enden wird.

Nun, zumindest sollten wir es wissen. Aber seien wir doch ehrlich: Tatsache ist nun mal, dass niemand in der Lage ist zu erkennen, worauf seine Handlungen hinauslaufen. Dabei ist es so einfach. Die Menschen haben nie richtig versucht, es zu verstehen, statt dessen erschaffen sie Philosophien. Sie mystifizieren es; sie geben ihm Namen. Sie nennen es Glaube, Glück oder Schicksal. Sie reden darüber, sie schreiben Bücher darüber, aber wenn du versuchen würdest ihnen zu erklären, was die meisten eigentlich schon wissen - wenn du versuchen würdest zu erklären, was das Schicksal wirklich ist - dann würden sie dich einen Lügner nennen.

Ab und zu trifft man jemanden, der weiß, wovon man spricht. Aber solche Leute sind selten, und normalerweise sind sie unbedeutend oder verrückt (oder beides), und niemand würde auf sie hören.

Aber eigentlich will ich gar nicht über das Schicksal diskutieren. Es macht keinen Sinn, über so etwas zu diskutieren. Ihr würdet mir ohnehin nicht glauben (deshalb mag ich euch so). Lasst uns stattdessen einen Blick auf unsere Hauptperson werfen.

Ich werde ihn Angus nennen. Aus unserer Sicht ist er die wichtigste Person in unserer kleinen Geschichte. Wir werden ihn und seine Umgebung eine Weile beobachten. Doch natürlich beginnen wir nicht in der Gegenwart; wir beginnen in der Vergangenheit.

Angus arbeitet für das NYPD, das Police Department von New York City, und heute Nacht hat er einen Job zu erledigen. Die Wunder der modernen Technologie erlauben uns, zwei Orte gleichzeitig zu beobachten.

Eine junge Frau - sie sieht ungesund aus, bleich und verschwitzt - sitzt auf einem Sofa. Wenn wir uns stark genug anstrengen würden, dann könnten wir ihr Herz schlagen hören; es schlägt schnell und laut. Und wenn wir uns noch ein wenig mehr anstrengen würden, dann könnten wir noch ein zweites Herz schlagen hören, ein winzigkleines Herz unter dem ihren. Sie ist weit weg von Angus, aber wie wir kann auch sie ihn beobachten; und sie tut dieses voller Angst, starrt auf den Fernseher vor ihr, ohne zu blinzeln. Sie ist Angus' Ehefrau, und sie ist die wichtigste Person ihn seinem Leben. Das zumindest hat er ihr gesagt. Wir wissen, dass er es glaubt. Erinnerungen an Diskussionen, die sie mit ihrem Ehemann führte, hallen durch den Raum - Diskussionen über seinen Job, Diskussionen über die Zukunft, über die Bedeutung des Lebens.

Wir drehen uns zum Fernseher und sehen eine Live-Nachrichtenübertragung. Zwei Kameras versuchen, Bilder von einem Hochhaus einzufangen; eine davon zeigt das Gebäude von oben, die andere befindet sich auf der Straße inmitten der wimmelnden Menschenmenge. Eine körperlose Stimme erklärt uns die Situation, und so erfahren wir, daß sich eine Gruppe von Terroristen in dem Gebäude aufhält. Niemand weiß, was sie vorhaben, sagt die Stimme, aber es sind Leute in dem Hochhaus, die sie als Geiseln genommen haben. Die Straßen sind überfüllt mit Passanten, die die Polizeikräfte, ihre Waffen und Schilde beobachten. Von Zeit zu Zeit können wir das Gesicht eines Polizeibeamten erkennen. Als eine Stimme hinter der Kamera einen von ihnen anspricht, hören wir ein Geräusch hinter uns; es die Frau, die den Mann erkannt hat. Der Polizeibeamte spricht mit der Stimme hinter der Kamera. Die Reporter müssen gehen. Doch während er den Kameramann und seinen Kollegen hinter das gelbe Plastikband begleitet, erklärt er ein wenig die Situation. Es sind Terroristen im Gebäude. Sie haben Geiseln genommen und haben bereits zwei Menschen getötet. Sie wollen nicht zur Polizei sprechen und auch sonst zu niemandem; es hat den Anschein, als bezweckten sie nichts mit der Geiselnahme. Sie wollen nur allein gelassen werden. Die Polizei wird bald hineingehen müssen und versuchen, die Menschen zu retten.

Das ist es, was er sagt. Und dann geht er.

Der Fernsehsender schaltet auf die Kamera im Hubschrauber um. Wir können nicht viel erkennen, aber ein paar Informationen erhalten wir trotzdem durch die Bilder. Rötliches Licht flackert in einigen Teilen des Gebäudes, vielleicht brennt etwas. Als der Hubschrauber ein wenig nach unten taucht, können wir Bewegungen im elften Stock wahrnehmen: ein großer Raum, angefüllt mit Menschen. Das flackernde Licht wechselt seine Farbe zu grau, dann zu grün. Die Kamera versucht, aufschlussreichere Bilder einzufangen, ist dazu aber nicht in der Lage, bis eine Funkdurchsage der Polizei den Hubschrauber wegschickt.

Zurück auf der Straße sehen wir, wie die Polizeikräfte das Gebäude betreten. Der Sprecher erörtert für den Zuschauer, was in den nächsten Minuten möglicherweise geschehen wird. Einige Passanten werden befragt, ob sie etwas gesehen haben. Der gesichtslose Mann hinter der Kamera hat einen Mann gefunden, der aussagt, er hätte gesehen, wie alles begann. Er ist Mitglied der Putzkolonne, sagt er. Die Terroristen waren plötzlich überall im Gebäude; verrückt aussehende Männer und Frauen, Punks mit Wahnsinn in den Augen. Sie haben alle Personen im Gebäude als Geiseln genommen, nur einigen war es erlaubt zu gehen. Ein Mann in einem schwarzen Anzug hat von Terrorismus in seiner reinsten Form gesprochen: sie wollen das Gebäude zerstören, um der Welt die Macht ihres Gottes zu zeigen. Der Putzmann hatte Glück, er konnte gehen. Er sagt, er will nicht mit der Polizei reden, nicht über diesen Mann. Er hat Angst. Er ist aus dem Krankenwagen geflohen, der ihn in ein Krankenhaus bringen sollte.

Plötzlich hören wir Schüsse. Etwas explodiert.

Wir sollten uns jetzt herumdrehen und einen weiteren Blick auf die Frau werfen. Sie liegt auf dem Boden, und mit ihr zusammen liegt dort ein totes Stück Fleisch, das zwischen ihren Beinen herausgefallen ist. Farblose und rote Flüssigkeiten bilden Pfützen überall auf dem Teppich, und mit zitternden Händen hält sie ein Telefon in der Hand und versucht eine Nummer zu wählen.

***

Wir wissen, dass Angus die Mission überleben wird. Wir wissen auch, daß die Frau überleben wird. Weitere Diskussionen finden statt, diesmal hauptsächlich über Schuld. Wir sehen Angus, wie er versucht zu argumentieren, wie er nicht in der Lage ist, seinen Job aufzugeben, und wir sehen, wie er einen Stuhl zerschlägt, nachdem seine Frau ihn verlassen hat.

Angus' Job war nie in der Lage, seine Persönlichkeit zu beeinflussen, obwohl man als Police Officer von New York City immer wieder Dinge sieht, die normalerweise nicht einfach hingenommen werden können von einem menschlichen Geist, aber Angus ist ein Mann mit Idealen, der immer weiß, wo er steht. Die Frau vor dem Fernseher hat das alles geändert. Sie hat den Samen der Wut in den Protagonisten unserer Geschichte gepflanzt, der im Laufe der Zeit wächst und gedeiht. Nach Ablauf von einigen Wochen kennt man Angus als ruchlosen Polizisten mit einem Hang zu unnötiger Gewalt.

Aber es gibt eine Sache, die ihn vor der Suspendierung rettet: die Kreaturen, die er in dem Hochhaus gesehen hat, die ihn unkontrolliert kotzen und blind um sich schießen ließen. Natürlich wissen wir, welche Organisation ihn erst testet und ihn schließlich kontaktiert. Delta Green betritt ein Leben, das sich bereits in Veränderung befindet, und bringt diese zum Abschluss.

***

Aber wir sollten unseren Helden eine Weile verlassen.

Bevor wir uns der Gegenwart widmen, müssen wir uns eine andere Gruppe von Leuten und eine andere Polizeioperation ansehen. Diesmal richtet sich die organisierte Verbrechensbekämpfung nicht gegen Terrorismus, sondern gegen Drogen, die von einer bisher unbekannten Organisation verkauft werden. Die Polizeikräfte sammeln sich nahe eines Öltankers in einem Teil des Hafens, der schon eine ganze Weile nicht mehr in Benutzung ist. Nach dem Vorfall wird die New Yorker Öffentlichkeit von einer neuen Droge erfahren, die die Jugendlichen der Stadt gefährdet, und die ganz lapidar nur "Die Substanz" genannt werden wird. Der erstaunte Leser wird erfahren, dass die graue und schleimige Substanz in Plastikröhrchen verkauft wird und dass sie hinuntergeschluckt werden muss, um ihre Wirkung zu entfalten. Sie scheint keine Designerdroge zu sein, da sie aus einer großen Menge unterschiedlichster Bestandteile zusammengesetzt ist, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig identifiziert wurden. Die New Yorker Öffentlichkeit wird gewarnt werden, dass die Droge hochgradig süchtig macht und gefährliche persönlichkeitsverändernde Eigenschaften hat, die im einzelnen noch untersucht werden müssen.

Rost ist das vorherrschende Element des Teils des Hafens, in dem wir uns befinden - der Rost des Schiffes, der Rost von alten Maschinen, von Maschendrahtzäunen und Geländern. Nervöse oder kaltblütige Polizeibeamte mit schusssicheren Westen, Taschenlampen und einer Menge Waffen rennen über den Tanker. Die Organisation ihrer Bewegungen sieht gut aus; sie laufen gleichzeitig, warten nur ab und zu auf die ihnen folgenden Kollegen. Das Licht der Taschenlampen tanzt auf dem Deck. Wir sehen einen jungen Mann, der als erster einen der Eingänge in das Schiff erreicht. Es ist seine erste Mission, und wir wissen, dass es auch seine letzte sein wird. Nie wieder wird er den Mut finden, eine Waffe in die Hand zu nehmen oder in einem dunklen Raum zu schlafen. Wir sehen sein bleiches Gesicht mit motiviertem Gesichtsausdruck, als er die rostige Tür in den Bauch des Schiffes öffnet. Lasst uns ihnen folgen, als sie das Innere des Schiffes betreten, lange, schmale Gänge entlanggehen, Metalltreppen hinuntersteigen, und lasst uns ihre Gesichter betrachten, als sie der Szene tief im Schiff gewahr werden. Unsere tapferen Polizisten starren auf eine enorm fette Frau in einem weißen Brautkleid, die eine perverse Zeremonie leitet. Geschäftsleute in schwarzen Anzügen scheinen zu versuchen, ihre Gliedmaßen fortzuwerfen, mit bunt geschminkten Huren und dünnen Junkies, die sie in ihrem wahnsinnigen Tanz begleiten. Die Frau singt mit tiefer, brüllender Stimme; alle Teilnehmer antworten mit wilden Schreien. Religiöse Ekstase verhindert alles klare Denken. Wir sehen unseren jungen Freund, wie er in seinen Bewegungen innehält. Der junge Mann ist verwirrt; er weiß nicht, was er in einer solchen Situation tun soll, aber er weiß, er muss nach unten gehen zu dem Mob. Auf der anderen Seite des gigantischen Raumes sieht er andere schwarzgekleidete Männer, die sich nach unten auf die Menschenmassen zu bewegen, und so findet er genug Mut weiterzugehen. Es dauert nicht lange, bis der erste Schuss fällt.

Die Zeitungen werden sich auf die Schießerei konzentrieren. Eine Menge Menschen starben, und die Öffentlichkeit muss darüber informiert werden. Sie werden über die tapferen Polizisten sprechen, die ihr Leben für Gerechtigkeit und Sicherheit der Bewohner New Yorks gelassen haben. Die hässliche Leiterin des Kultes wird in allen Einzelheiten beschrieben werden, und es werden Spekulationen angestellt werden über die Bedeutung des Hochzeitskleides. Nur die seltsamen Missbildungen, die einige der Leichen aufwiesen, werden nicht erwähnt.

***

Die Veränderung von Angus' Leben ist so perfekt, dass Delta Green ihm sogar einen neuen Namen gab; sein Name ist jetzt Ethan. Seine Probleme sind allerdings nicht vollständig gelöst mit dem neuen Leben. Schlechte Träume rauben ihm den Schlaf. Er kann nicht für lange Zeit allein bleiben und versucht normalerweise, irgendeine Frau mit nach Hause zu bringen, mit der er die Nacht verbringen kann. In seinem Portemonnaie hat er ein Foto, das er auf der Straße gefunden hat. Es zeigt ein kleines Mädchen von vielleicht fünf oder sechs Jahren. Das Foto ist dreckig, weil es eine ganze Weile auf dem Bürgersteig gelegen hat und Passanten daraufgetreten sind. Ethan kennt das Mädchen nicht, aber vielleicht würde seine Tochter in drei oder vier Jahren so aussehen. Natürlich ist Ethan nicht verrückt, er weiß sehr wohl, dass das Foto nicht seine Tochter zeigt, dass seine Tochter tot ist, dass sie starb, bevor sie je eine Chance hatte, zu leben. Aber er kann es nicht über sich bringen, das Foto wegzuwerfen. Das wäre, als würde er das Leben des kleinen Mädchens ignorieren, so wie er versucht, die Tatsache zu ignorieren, dass er einst die Möglichkeit hatte, selbst eine Tochter heranwachsen zu sehen.

***

Wir sehen Ethan das nächste Mal, als er eine Einweisung in einen neuen Fall erhält. Er trifft seine beiden Kollegen der E-Zelle und einen bebrillten Mann mit ergrauenden Haaren in einem dunklen verlassenen Bürogebäude in der Mitte einer Nacht im September. Der alte Mann gibt den Dreien einige Papiere (Zeitungsausschnitte, Beschreibungen von Personen und Zeugenaussagen von Augenzeugen), und er erzählt ihnen von den Dingen, die sich auf dem Öltanker abspielten. Es gibt nicht viele Informationen, die der E-Zelle von Nutzen sind, und so verlassen sie das Gebäude eine halbe Stunde später und beginnen, bestimmte Routinen einzuleiten, die ihnen helfen sollen, einige der benötigten Informationen zu sammeln.

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Eine Woche später folgen wir Ethan durch die Straßen einer hässlichen und nicht ganz ungefährlichen Nachbarschaft. Er verschmilzt vollkommen mit der Menge. Ethan spricht mit einigen Leuten, und schließlich erreicht er ein Lagerhaus. Eine Backsteinwand lässt ihn zwergenhaft erscheinen und verschlingt ihn scheinbar, als sich eine kleine Hintertür öffnet, und er in der Dunkelheit dahinter verschwindet. Wir folgen ihm in das Gebäude, vorbei an zwei großen Männern mit versteinerten Gesichtern, und durch eine andere Tür betreten wir eine große Halle. Die Decke befindet sich mehrere Stockwerke über uns, und schwarze Quader lassen einen irritierenden, unregelmäßigen Rhythmus erschallen; die Halle ist angefüllt mit Leuten, die tanzen oder sich durch den Lärm gegenseitig anschreien. Einige der Leute tun nichts, sie starren in eine Leere, die nur sie wahrzunehmen in der Lage sind.

Ethan sieht sich um und beginnt schließlich, sich durch die Menge zu bewegen. Wenn wir uns die Szenerie von oben betrachten, können wie die Halle vollständig überblicken: ein See angefüllt mit Menschen, deren Bewegungen wie Wellen erscheinen - graue Wellen in einem schleimigen See. Wir sehen Ethan, wie er sich durch den See hindurchbewegt; er redet mit einigen Leuten, welche auf Personen zeigen, die an eine Backsteinwand gelehnt auf dem Boden sitzen. Dort angelangt, verkauft ihm ein schmalschultriger bleicher Kerl mit fremdartig hellblauen Augen zwei Plastikröhrchen, die Ethan in seine Jacke steckt.

Ethan nimmt seine Reise durch die Menge wieder auf. Wir folgen seinen scheinbar zufälligen Bewegungen, bis er vor einem Mann stehen bleibt. Der Mann öffnet gerade ein Röhrchen, wie es Ethan gekauft hat, und schluckt den Inhalt, woraufhin er zu Boden fällt und zu schreien beginnt. Doch seine Schreie sind nicht zu hören, die Musik ist zu laut. Wir beobachten gemeinsam mit Ethan, wie sich der junge Mann unter sichtlichen Schmerzen am Boden windet, sein Gesicht zu einer Grimasse verzogen. Seine Gliedmaßen zucken spastisch. Die meisten Menschen um uns herum versuchen, die Szene zu ignorieren, doch Ethan kniet sich neben den Mann. In dem Augenblick, als er ihn berührt, schnellt dessen Hand mit großer Geschwindigkeit nach oben und ergreift Ethans Arm. Seine Finger sehen aus wie Klauen. Es sind Klauen. Als sich der junge Mann herumdreht, sehen wir sein Gesicht für kurze Zeit in vollem Licht und bemerken eine Veränderung in seinen Augen. Sie scheinen sich zu verdunkeln. Seine Haut wird grau und hässlich. Seine Zunge ist keine Zunge mehr, sondern ein dickes, geschwollenes Stück schwarzen Fleisches, das aus seinem Mund ragt.

Leute kommen. Sie heben den kranken Mann auf und tragen ihn fort. Ethan versucht nicht, etwas dagegen zu unternehmen, er beobachtet einfach, wie sich der junge Mann in eine Parodie des Lebens verwandelt, während man ihn fortträgt. Leute starren hinterher.

Später sehen wir Ethan das Gebäude verlassen. Er sieht ein wenig blass aus. Offensichtlich hätte er gern eingegriffen, den Rave beendet und die Teilnehmer verhaften lassen. Doch er kann niemand rufen. Die Welt darf nichts erfahren.

***

Als wir unseren Helden das nächste Mal beobachten, wissen wir, dass es so etwas wie einen Showdown geben wird. Die E-Zelle wird einige Fragen beantworten können, und sie werden einen Zweig einer Organisation zerstören, von der sie glauben, dass es sich um Drogendealer mit unheiligen Zielen handelt. Sie werden sogar einen der wahren Leiter der Gruppe sehen. Zur Zeit allerdings wissen sie noch nicht viel, nur dass das Gebäude vor ihnen Antworten auf wenigstens einige ihrer Fragen beherbergt.

Es sind fünfzehn Männer, ausschließlich Delta-Green-Agenten oder deren Verbündete. Alle tragen irgendeine Art von Panzerung und automatische Waffen. Unter ihren Helmen befinden sich Ohrhörer und Mikrophone. Schwarze Kleidung. Lampen auf den Gewehren. Als wir näherkommen, sehen wir die anderen Mitglieder der E-Zelle: Edward und Ernest. Es erinnert ein wenig an die Szene auf dem Tanker einige Wochen zuvor, aber dieses Mal ist es ein altes Lagerhaus, das sie gleich betreten werden, und wir können Geräusche von innen wahrnehmen.

Einer der Männer kniet sich vor eine Tür, das Schloss bricht, und die Männer stürmen in das Gebäude. Wir folgen ihnen in einen schmalen Flur mit einer Metalltür am Ende. Hinter der Tür sehen wir Maschinen. Es ist laut, die Maschinen laufen. Eine graue Substanz wird mit Wasser, Chemikalien und anderem Zeug vermischt, bis sie so aussieht wie die schleimige Droge, die die Zeitungen "Die Substanz" genannt haben, und wird anschließend in kleine Röhrchen gegossen, die verschlossen und in Kartons mit der Aufschrift "Achtung. Nicht werfen. Porzellan." verpackt werden. Die Gruppe rennt in die Halle, und Agent Edward erschießt zwei Männer, die an den Maschinen stehen und sich unterhalten. Der Mord verursacht nur wenige Geräusche, denn die Agenten benutzen Schalldämpfer. Weiteres Rennen und Schießen. Fünf weitere Menschen tot. Sie erreichen eine weitere Tür, über der ein Schild mit großen Buchstaben befiehlt: "Beuge Dein Haupt!" Sie muss aufgebrochen werden. Ein weiterer schmaler Flur, eine weitere Tür. Weitere Verbrecher sterben. Ein weiteres Schild ist an der Wand angebracht; auf ihm steht: "Gehorche der Mutter!".

Die Agenten finden einen Fahrstuhl in einem der nächsten Räume, den sie innerhalb von Sekunden lahm legen, und eine Betontreppe, die nach unten führt. Buchstaben sind auf die Türen des Fahrstuhls gesprüht: "GEHORCHE!" Der Keller besteht aus einem einzigen großen Raum, in dem sich Leute mit weißen Kitteln oder schwarzen Mänteln befinden. Offensichtlich haben die Delta Green Agenten eine Zeremonie gestört, die von den Männern und Frauen in den Mänteln abgehalten wurde. Blut steht in Pfützen auf dem Boden.

Die Kultisten in Schwarz sind anders als die anderen Kultisten, die wir bereits in unserer Geschichte kennen gelernt haben, aber wir kennen diese Sorte Mensch. Wahnsinn leuchtet aus ihren Augen, ein Fanatismus, wie er nur in der Religion gefunden werden kann. Und offensichtlich haben sie Angst - Angst vor den Waffen, die auf sie gerichtet sind. Sie haben die Zeremonie unterbrochen und nun werden sie erschossen, denn die Delta-Green-Agenten haben begonnen zu feuern, sobald sie den Keller betraten und sahen, was sich dort befand. Das Geräusch der Waffen, die hauptsächlich auf eine Wand abgefeuert werden, erinnert uns an den Rhythmus, den wir in dem großen Lagerhaus vor einigen Wochen vernahmen, nur sind die Gewehre nicht so laut. In der Wand ist ein Loch, ähnlich einem Fenster. Es ist umrahmt von arkanen Symbolen und angefüllt mit einer öligen, schwarzen Wolke. Die schwarze Masse hat Dutzende von Mündern, aus denen grauer, schleimiger Speichel tropft. Furchtbare, olivfarbene Augen starren zehnfach auf die Agenten, und tintige Gliedmaßen greifen in den Kellerraum. Es ist das schwarze Zeug, auf das die Agenten feuern. Die Männer und Frauen in den Kitteln haben den stinkenden, schleimigen Speichel in runden Schalen gesammelt und in Behälter gefüllt, die zu dem Fahrstuhl gebracht wurden, doch nun werden sie beschossen. Der Schleim läuft aus den zu Boden gefallenen Schalen. Ein Mann liegt mit dem Gesicht nach unten in einer Pfütze, sein Kopf von einer der schwarzen Gliedmaßen geöffnet.

Schließlich beginnt sich die schwarze Wolke von dem Loch in der Wand fortzubewegen. Als der Abstand wächst, sehen die Agenten, dass das Loch ein Fenster zu einer flachen Landschaft ist. Eine grünliche Wüste mit Pflanzen wie Seetang befindet sich tief unter dem Fenster. Ethan steht wie erstarrt auf der Treppe und beobachtet die Szenerie. Die Wolke ist inzwischen Hunderte von Metern von dem Fenster entfernt, und noch immer kann man nicht die volle wunderschöne Gesamtheit der Schwarzen Mutter ausmachen. Ethan bewegt sich erst wieder, nachdem das Fenster explodiert ist. Die arkanen Symbole wurden von der Explosion zerrissen, und nun ist das Fenster nur noch eine Wand in einem Keller.

Die Kultisten und Wissenschaftler sind tot. Einige Männer sind zusammengebrochen, einige weinen. Doch die Substanz wird weiterhin auf den Straßen New Yorks verkauft.

***

Später gehe ich zu Ethan. Er kennt mich, wir haben uns schon früher getroffen, und ich erkläre im alles (ich bin ein Bote, es ist meine Aufgabe, zu erklären).

Und noch später gehen wir wieder gemeinsam zu Ethan und beobachten ihn. Die Schießerei liegt einige Tage zurück, und Ethan nimmt an einem Treffen teil. Einige Leute von Delta Green wollen genau wissen, was an dem Tag geschah, und ein Teil von ihnen ist wichtig für die Organisation. Wir können beobachten, wie sie sich unterhalten, aber es wird natürlich nichts erzählt, das wir nicht schon wüssten. Die Dunkle Mutter wird als ein grausiges, hässliches Ding beschrieben und als Quelle der Droge angegeben, die gemeinhin als "Die Substanz" bekannt ist. Alle Personen im Raum glauben, sie hätten die Droge aus den Straßen New Yorks verbannt.

Diesen Abend muss Ethan viel reden, und er tut dies mit leerem und unverändertem Gesichtsausdruck, bis er eine Waffe zieht und zu schießen beginnt. Es gelingt ihm, vier Männer zu töten, bis er die Waffe gegen sich selbst richtet. Mit den Männern stirbt wichtiges Wissen für Delta Green.

Es ist nicht sehr schwer, die Zukunft vorherzusagen, wenn man alle Variablen kennt.

Und ganz am Ende dieses Tages sollten wir noch einmal einen Blick gen Himmel richten. Dort in großer Entfernung herrscht Azathoth, unser Fürst, der blinde und geistlose Dämonensultan, im Zentrum des Universums über die Welt.

Und ich, sein Bote, verabschiede mich jetzt. Auf Wiedersehen. Wir werden uns wieder begegnen.

(© Februar 2000, Juli 2001 and Januar 2002 by Andreas Melhorn)

Delta Green is owned by the Delta Green Partnership (TM).

Nachbemerkung

the liquid wurde ursprünglich für die Delta-Green-Mailing-Liste auf englisch geschrieben und später von mir für die Cthulhu-Zeitschrift Cthuloide Welten übersetzt. Delta Green ist ein Rollenspiel, dass man sich als eine eine Art Akte X in der Welt von Lovecrafts Cthulhu-Mythos vorstellen kann.

Dieser Text ist © by Andreas Melhorn. Er darf für den Eigenbedarf beliebig kopiert werden, bitte lasst nur den Copyright-Vermerk mit meinem Namen bei der Geschichte. Druckrechte behalte ich mir für alle Fälle vor. Jeder Link auf diese Seite wird mit Freuden begrüßt.