Pages from the Book of Eibon
Home | Abenteuer | Artikel | Rezensionen | Links | | Schwarze Erinnerungen | Kontakt | Disclaimer

Cthulhu abseits
historische Settings | SciFi-Settings | andere Rollenspiel-Settings | Verschiedenes | Gedrucktes

Rezensionen

Vietnam ´67

Der Titel des vorliegenden Abenteuers wird bei vielen Rollenspielern sicherlich gemischte Gefühle auslösen. Krieg ist eines von den Themen, die die meisten Rollenspieler meiden – es steckt einfach zu viel unangenehmer Realismus darin, zu leicht ist es, in die Gegenden des „schlechten Geschmacks“ abzurutschen. Manche Spieler fühlen sich am Spieltisch unwohl, wenn sie auf einmal vor die Brutalität des Krieges gestellt werden – und sich unwohl zu fühlen, kann ja beim Rollenspiel kaum das Ziel sein.

Dementsprechend vorsichtig sollte man an das Abenteuer herangehen, das den Spielern die Möglichkeit geben soll, als Soldaten in einem unmenschlichen Krieg irgendwelche cthuloiden Machenschaften aufzudecken.

Graphisch ist das Buch besser als die meisten seiner Vorgänger. Leider haben immer noch alle Seiten einen aufdringlichen Rahmen, aber die Zeichnungen sind fast alle im gleichen Stil gehalten und wissen zu überzeugen. Die vielen Karten sind recht schlicht und übersichtlich gehalten, sie sollten sich im Spiel als sehr praktisch erweisen. Alles in Allem immer noch keine Glanzleistung, aber auf dem richtigen Weg. Ich hoffe, jemand überzeugt den Verlag irgendwann auf diese hässlichen Rahmen zu verzichten.

Ein kurzes Durchblättern des stabilen Heftes offenbart, dass fast die Hälfte mit Karten und Spielhilfen gefüllt ist. Die Massen an Material sind fast unglaublich: 12 Karten (die meisten davon Detailkarten, die in den verschiedenen Missionen gebraucht werden), ein Flugblatt, mehrere fertige Charaktere, eine Doppelseite mit der Erklärung von Slangausdrücken, eine weitere mit einer Zeitleiste des Vietnamkonfliktes, Wettertabelle, Standardausrüstung für die Charaktere und noch viele weitere kleine Texte, die an die Spieler ausgehändigt werden können. Zusätzlich zu den Handouts gibt es noch 9 Seiten mit Anhängen (kleinere Regeländerungen, Beschreibungen der üblichen Waffen und andere Kleinigkeiten). Zusammengenommen sollten keine Fragen offen bleiben.

Der Rest des Heftes beschäftigt sich mit dem eigentlichen Abenteuer. Nach ein paar einleitenden Worten werden die Spieler als Neulinge ins Lager geflogen. Sie werden ausgerüstet und mit kleinen Arbeiten bei Laune gehalten. Es gibt eine Liste mit Zwischensequenzen, die eingestreut werden können, wenn sich die Charaktere mal nicht im Einsatz befinden, um das Leben im Lager ein wenig plastischer darzustellen. Die erste Mission führt die Charaktere auf ein Erkundungsvorhaben in ein kleines Dorf und zum ersten echten Kontakt mit dem Krieg und dem Feind. Und sie führt sie zu ihrem ersten Kontakt mit den Auswüchsen des Mythos, die in dem Abenteuer eine Rolle spielen.

In diesem Stil geht es dann auch weiter. Vier weitere Missionen werden folgen. Sie sind alle ähnlich aufgebaut: Es gibt einen Auftrag, die Charaktere werden abgesetzt und auch wieder eingesammelt (manchmal ergibt sich ein „Auftrag“ auch einfach aus der gegebenen Situation). Dementsprechend gibt es massenweise Action. Die Spieler haben jedenfalls keine Zeit für Langeweile, wenn sie von Mission zu Mission geschickt werden, immer wieder Feindkontakt haben und dabei auch noch auf den Cthulhu-Mythos treffen. Allerdings haben sie damit natürlich auch keine Zeit für Detektivarbeit, wie man sie in anderen Cthulhuabenteuern erwarten würde.

Man bekommt als Käufer also alles, was einem im Klappentext versprochen wurde: militärisch organisierte Missionen, Kontakt zum Mythos und massenweise Hintergrundmaterial und Handouts. Was man nicht bekommt, ist das übliche Futter, das der durchschnittliche Cthulhuspieler erwartet: subtiler Horror, Detektivarbeit und psychologisches Grauen. Und genau hierin liegt wahrscheinlich auch das größte Manko des Bandes. Bleigeladene Action kommt bei den meisten Cthulhuspielern nicht an, und wenn man mit den Erwartungen von subtilen Überraschungen und Hintergründigkeit an das Buch herangeht, dann wird man maßlos enttäuscht und vielleicht sogar erbost sein.

Konzeptionell ist Vietnam 67, das Beste der drei Cthulhuabenteuer von Fantastische Spiele, die ich bisher besprochen habe. Das Thema Vietnamkrieg wurde gnadenlos ins Cthulhurollenspiel umgesetzt. Missionen, wie sie bei einem Militäreinsatz dieser Art zu erwarten wären, werden aneinander gereiht und praktisch nebenbei kommt ein wenig (sehr wenig) Cthulhu zu Tage. Am Ende könnte es geschehen, dass die Spieler dastehen, ohne genau zu wissen, was sie da eigentlich erlebt haben. Sie wissen nur, dass sie irgendetwas ganz Seltsames geradeso überstanden haben. Der Krieg steht eindeutig im Vordergrund und Cthulhu bleibt dahinter verborgen.

Natürlich muss man sich aber im Klaren sein, dass genau diese strikte konzeptionelle Umsetzung viele Cthulhuspieler vor den Kopf stoßen wird. Es wird viel zu viel geballert, viel zu viele Menschen sterben und viel zu wenig tritt der Mythos mit Buchauszügen oder andern altbekannten Dingen in Erscheinung. Erschwerend kommt natürlich noch das schwierige Thema Krieg hinzu, das sich (was ja verständlich ist) nicht gerade größter Beliebtheit erfreut. Wenn man sich aber damit anfreunden kann, wird man ein paar spannende Missionen erleben. Für ein Spiel, das eine passende Stimmung erzeugt, ist jedenfalls alles da.

Fazit: Man sollte wissen, worauf man sich einlässt. Überraschende Wendungen und detektivische Denkarbeit werden nicht geliefert, dafür aber militärische Missionen im nassen Dschungel von Vietnam. Wer sich damit anfreunden kann, wird spannend unterhalten werden. 3 von 5 Sternen, weil das Thema für Cthulhu etwas ungeeignet ist und weil ich reine Kriegsszenarien nicht mag.

[ Vietnam '67, Fantastische Spiele, Sprache: Deutsch, Softcover, 64 Seiten, € 15,90 ]