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Cthulhu abseits
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Rezensionen

Tatters of the King

[ Cthulhu: Tatters of the King, Chaosium, Sprache: Englisch, Softcover, 232 Seiten, $27,95, Rezension vom 05.06.06 ]

Bei den vielen Nachdrucken, die Chaosium in den letzten Jahren für Cthulhu auf den Markt gebracht hat, ist es schön, mal wieder etwas Neues zu sehen. "Tatters of the King" ist eine neue Kampagne für die 20er Jahre, die sich, wie man bei dem Titel schon erahnen kann, hauptsächlich mit dem König in Gelb beschäftigt. Das Cover verrät uns zusätzlich, dass der König nicht die einzige Inkarnation von Hastur ist, deren Weg die Charaktere kreuzen.

Das Cover ist etwas gewöhnungsbedürftig, passt aber inhaltlich. Bei der Innengestaltung fallen die vielen kleinen Kartenausschnitte auf, die über das Buch verteilt sind. Sie sind wie Skizzen in einem Notizbuch und greifen so den alten Stil der Cthulhukarten auf. Der Eindruck, der dabei beim Leser entsteht, passt schön zu einer Cthulhukampagne. Leider ist die Beschriftung, ohne dass eine erkennbarer Grund dafür erkennbar wäre, oben teilweise etwas abgeschnitten, was das Lesen zwar erschwert, aber zum Glück nicht unmöglich macht. Die Bebilderung verzichtet auf Fotos und setzt auf Handgemachtes der mir unbekannten Ashley Jones, die auch das Cover gemalt hat. Nicht alle Bilder sind wirklich gelungen, zu dunkel sind sie und zu verschoben teilweise die Proportionen der dargestellten Personen. Doch manche Bilder – besonders die Abstrakten – stechen positiv hervor und geben dem Buch zusammen mit dem alten Pegasus-Layout (das mit dem abgebrannten Seitenrand) und gut lesbaren Überschriften ein positives Gesamtbild. Das ist solide Chaosiumqualität, die gefällt. Ein weiteres Mal werden die zahlreichen Handouts sowohl im Fließtext als auch im Anhang abgedruckt, was zwar den Text optisch auflockert, aber nichtsdestotrotz Platzverschwendung ist. Die Handouts sind teilweise recht schwer lesbar (auch Chaosium setzt inzwischen auf echte Handschriften), es wäre also sinnvoller gewesen, die Texte irgendwo in Klartext abzudrucken, anstatt sie einfach zu wiederholen.

Die Kampagne selbst vermittelt von der ersten Seite an einen angenehmen Eindruck. Man hat sofort das Gefühl, "das könnte mal wieder was sein, was sich zu spielen lohnt". Der Hintergrund liest sich noch etwas kompliziert – es werden einige Namen genannt, die man erst mal auseinanderhalten muss – die Geschichte ist dann aber einfacher und die Charaktere bekommen die wichtigen Informationen brockenweise dargeboten, so dass es ihnen möglich sein sollte den Hinweisen zu folgen. Und das ist auch nötig, denn die Handlung ist sehr gradlinig.

Die zwölf Kapitel der Kampagne sind, anders als bei beispielsweise "Horror im Orient-Express" oder "In Nyarlathoteps Schatten" keine mehr oder weniger abgeschlossene Abenteuer, sondern bilden jeweils einen kleinen Abschnitt des Abenteuers, ohne jedoch Handlungsbögen und Höhepunkte außer acht zu lassen. Dadurch vermittelt die Kampagne den Eindruck eines geschlossenen Ganzen.

Die eigentliche Qualität von Tatters kommt aber von den nachvollziehbar und liebevoll gestalteten Gegnern, der guten Recherche und dem einfallsreichen Handlungsablauf. Ein Theaterbesuch bildet den Auftakt, wenn auch nicht den offensichtlichen Einstieg in die Kampagne (übrigens ist dieses einleitende Kapitel auf der Chaosium-Homepage als pdf-Datei verfügbar). Wirklich los geht es erst mit einem darauffolgenden Auftrag: Die Charaktere sollen dabei helfen zu entscheiden, ob der Insasse einer Irrenanstalt entlassen werden darf oder doch lieber vorerst in Gewahrsam bleiben sollte. Nach einigen Nachforschungen, die ab und zu mit ein wenig Gefahr und Grusel gewürzt sind, gelangen die Charaktere zu einer Entscheidung und in einem weiteren Schritt zum Showdown des ersten Teils von Tatters, der sie in Gefilde führt, die sie wahrscheinlich noch nie betreten haben. Nach diesem recht surrealen Abschluss scheint erst mal Schluss zu sein (manche Spieler könnten sogar glauben, die Kampagne wäre hier beendet – es sein denn sie blicken hinter den Sichtschutz und bemerken, dass der Spielleiter erst bei der Hälfte des dicken Buches angekommen ist).

Der zweite, sehr kurze Teil der Kampagne findet ein halbes Jahr später statt und bildet die Überleitung zum dritten Teil, der die Charaktere auf eine ziemlich weite Reise schickt. Die Reise, die in fünf Kapiteln erzählt wird, bildet dann auch endgültig den Abschluss der Kampagne.

Wie auch das "Zwischenshowdown" am Ende des ersten Teils ist der Abschluss von Tatters angenehm anders als man es gewohnt ist. Natürlich gibt es einen Kult und einen furchtbaren Gott, ganz wie es sich für eine Kampagne in klassischem Stil gehört, doch netterweise muss hier keine Zeremonie unterbrochen und kein jungfräuliches Opfer gerettet werden. Als Spielleiter darf man gespannt sein, welche Entscheidungen die Charaktere treffen, denn auch wenn die Auswahl an Möglichkeiten nicht wirklich groß ist, hat die Entscheidung große Auswirkungen.

Fazit: Insgesamt bietet "Tatters of the King" also gute, sehr schön ausgearbeitete Unterhaltung. Hier wird nicht die Cthulhukampagne als solches neu erfunden, sondern eine klassische Geschichte schön ausgeschmückt und gut dargestellt. Die Optik ist gut, die Handlung spannend und das Ende gelungen. Viel mehr kann man eigentlich nicht verlangen – auch wenn es schön gewesen wäre, einmal nicht den üblichen Kult und den üblichen Gott präsentiert zu bekommen.