| Pages
from the Book of Eibon |
| Cthulhu
abseits |
Rezensionen
[ Cthulhu: Secrets of San Francisco von Cody Goodfellow, Chaosium, Sprache: Englisch, Softcover, 192 Seiten, $24,95, Rezension vom 18.09.06 ]
Wer hätte gedacht, dass es einmal so viele Städtebücher für Cthulhu geben würde? In einem Rollenspiel, das das Wort "weltumspannend" so sehr zu einem zentralen Merkmal gemacht hat, erscheint das zunächst widersinnig. Zunächst. Blickt man jedoch hinter die Kulissen bzw. in die tiefe Vergangenheit einiger Städte, bemerkt man dort graue Schemen, die verdächtig nach Tentakeln aussehen.
"Secrets of San Francisco" ist das zweite in der Reihe der Secrets-of-Bücher. Das Buch ist ein Softcover in üblicher Chaosium-Qualität: ausreichend stabil mit einem ansehnlichen Cover und wenig inspirierendem aber angemessenem Layout, wenigen Zeichnungen und einigen zeitgenössischen Fotos. Besonders mit Karten wird nicht gegeizt, nur die Übersichtskarte der Stadt selbst hätte etwas größer ausfallen können.
Ein Durchblättern lässt den Leser in spe staunen, denn das Buch scheint zunächst etwas ungewöhnlich aufgebaut zu sein. Mal abgesehen davon, dass die Kapitel etwas durcheinander geraten erscheinen, ist besonders ihre Länge ungewöhnlich. Die Stadt wird auf nur 31 Seiten beschrieben, Chinatown auf zusätzlichen 11. Die Umgebung von San Francisco, die "Greater Bay Area", erhält 24 Seiten und schon nach der Hälfte des Buchs ist man bei den zahlreichen Abenteuern angelangt.
Schon im ersten Kapitel ("History of San Francisco", 11 Seiten), sieht man warum. Cody Goodfellow, der Autor des Buchs, hat mit einem sehr groben Sieb gearbeitet als er die für das Buch bestimmten Informationen heraussiebte. Die Geschichte ist interessant zu lesen, erschöpft sich aber in Erläuterungen über die Indianer und was aus ihnen wurde. Will man die Geschichte der Stadt kennen lernen, muss man sich an die Zeitleiste halten. Das Kapitel enthält außerdem ein paar Informationen über das Wetter, die Verkehrswege und andere Kleinigkeiten. Die Tendenz nur Teile des Ganzen zu beschreiben zieht sich durch das ganze Buch. Goodfellow scheint alles weggelassen zu haben, von dem er meinte, dass man es auch in einem beliebigen Reiseführer nachlesen kann. Das muss allerdings nicht unbedingt ein Nachteil sein, denn die Bibliographie am Ende des Buchs ist sehr ausführlich (ganz wichtig: "Der Malteser Falke", der 1930 in San Francisco spielt).
Das zweite Kapitel nimmt sich der Stadtteile San Franciscos an. Ein spannendes Kapitel, dennoch ist es etwas eigenartig geordnet (wie der Rest des Buches). So werden nicht alle Stadtteile unter ihren Namen aufgeführt, sondern teilweise bestimmten Themen zugeordnet. Das Viertel "Tenderloin" befindet sich beispielsweise viel weiter hinten im Buch im Kapitel "Recreation". Die Stadtteile selbst werden meist in einem Absatz grob beschrieben. Anschließend erhalten ein oder zwei wichtige Orte noch den einen oder anderen Abschnitt. Unter Überschriften wie "Banks" oder "Sights" werden weitere Örtlichkeiten beschrieben. Das Kapitel ist wie der Rest des Buchs spannend zu lesen und mit einer großen Anzahl von Szenarioideen und NSCs gespickt.
Chinatown hat eine so große Bedeutung für San Francisco – besonders im Cthulhuspiel, in dem Exotik und Geheimnisse eine so entscheidende Rolle spielen – dass es vielleicht zu Recht ein eigenes Kapitel erhält. Nachdem man das Kapitel gelesen hat, riecht man förmlich die exotischen Gerüche in den engen Straßen und kann die Angst des weißen Mannes mitfühlen, wenn er versucht dort seinen Weg zu finden. Ein tolles Kapitel.
Die drei Seiten von "Earthquake and Fire" gehen auf die Erdbeben (besonders das von 1906, das große Teile der Stadt zerstörte) und großen Feuer San Franciscos ein.
"Greater Bay Area" beschreibt die Umgebung der Stadt. Ein weiteres spannendes Kapitel, in dem auch viele Karten enthalten sind (z. B. von der Stanford University und San Quentin). Nach Chinatown das vielleicht interessanteste Kapitel des Buchs.
Rosenkreuzer, Theosophen und die "Pinkerton Detective Agency" werden zusammen mit einigen anderen Gruppierungen in "Societies" beschrieben. In "Legends and Celebrities" geht es, wie der Titel schon sagt, um Legenden und berühmte Leute. Eine seltsame Mischung für ein Kapitel. In "Recreation" erfahren wir einiges über die Freizeitbeschäftigungen in der Stadt. Unter anderem befindet sich hier auch eine Karte des "Sutro Baths", eines riesigen Hallenbades.
Und schon sind wir bei den Abenteuern. "The Ferry Ride" ist eher eine lange (wenn auch stimmungsvolle) Einzelbegegnung als ein Abenteuer. "The Westchester House" ist eine nette Abwechslung vom üblichen Mythosallerlei und ein Nachdruck des auf deutsch vor vielen Jahren bei Hobby Products erschienen Abenteuers "Das Westchester-Haus". "The Colour of His Eyes", die recht ungewöhnliche Bearbeitung einer wenig benutzten Mythoskreatur, bietet wieder viel Detektivarbeit und ein relativ freies Ende. Das Abenteuer-Highlight ist jedoch "Beyond The Edges". Das lange Abenteuer führt die Charaktere in die Künstlerwelt San Franciscos und hat netterweise trotz des Themas nichts mit dem König in Gelb zu tun. Es ist gut aufgebaut und bietet eine schöne Mischung aus Detektivarbeit und gruselig-gefährlichen Begegnungen.
Fazit: "Secrets of San Francisco" ist ein sehr interessantes Buch, das sich völlig auf die spannenden Teile der Geschichte und Geografie der Stadt konzentriert und reine Reiseführer-Informationen größtenteils weglässt. Zwar ist dadurch das Bild etwas unvollständig, aber die Stimmung der Stadt wird trotzdem ausgezeichnet transportiert.