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Rezensionen
Dr. Nagelius’ wohlfeiles und weitschweifiges, exzentrisches und eklektisches Encyclopaedisches Compendium der bekannten Welt
Historic Fantasy-Quellenband für Midgard 1880
Als im Pegasus-Newsletter von Dr. Nagelius’ Compendium las, war ich ein wenig überrascht. Meiner Information nach, war Midgard 1880 vor einiger Zeit eingestellt worden. Wieso jetzt auf einmal ein Quellenbuch auftauchen sollte war mir nicht ganz klar. Die Einleitung des Buches löste das Rätsel, doch dazu später ein wenig mehr.
Der Inhalt klang dafür umso interessanter: einen Überblick über die Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts versprachen die Ankündigungen. Wenn man einen Blick auf deutschsprachiges Material warf, dass für Steampunk, Cthulhu by Gaslight oder eben Midgard 1880 einsetzbar ist, dann stellt man fest, dass solch ein Buch eine echte Marktlücke ist. Selbst der englischsprachige Raum bietet relativ wenig Möglichkeiten sich durch Rollenspielmaterial über die Welt Sherlock Holmes’ zu informieren. Außer dem bereits erwähnten Cthulhu by Gaslight, GURPS Steampunk (wahrscheinlich die beste aller Informationsquellen), und natürlich Forgotten Futures gibt es nicht viel. Terra Incognita spielt zwar u. a. in solch einer Welt, aber Hintergrundinformationen findet man dort praktisch gar nicht. Sollten die Ankündigungen nicht übertrieben sein, dann wäre Dr. Nagelius genau das, was ich mir auch für Cthulhu in den 1920ern wünschen würde oder für jedes beliebige andere Rollenspiel, dass in einer vergangen Epoche unserer Welt angesiedelt ist. Ich war sehr gespannt.
Optisch fällt das Buch nicht negativ - aber auch nicht positiv - aus dem Rahmen. Das Cover ist ansprechend und zum Inhalt des Buches passend, auch wenn man den Titel (orange auf beige) kaum lesen kann. Über allem prangt das Midgard-Logo und ein Untertitel sagt uns, dass es um „Historic Fantasy“ geht – kleine Anglizismen seien verziehen. Innen finden wir wenig illustrierte Hochglanzseiten in klarem, nüchternem Layout. Die Bilder sind alle der Zeit entsprechend (also 1880) und erfreulicherweise alle in ähnlichem Stil. Alles in allem nichts wie gesagt besonderes, aber eben dieses kleine Quentchen besser als z. B. das Layout der FUDGE-Bücher, in denen sehr oft das stimmige Gesamtbild durch zu unterschiedliche Stile bei der Bebilderung zerstört wird.
Das Vorwort verrät uns schließlich, wie es zu dem Buch kam. Anscheinend war es vor einiger Zeit geschrieben, dann aber aus verschiedenen Gründen nicht veröffentlicht worden, woraufhin – nach langer Zeit und erneuter Überarbeitung und Erweiterung – der Autor die Veröffentlichung schließlich selbst finanzierte. Hut ab vor so viel Mut und Eifer, die Recherchen, die in diesem Buch stecken sind enorm.
Der eigentliche Inhalt des Buches beginnt mit ein paar einleitenden Worten und Literaturhinweisen. Hier zeigt sich auch, dass meine oben aufgeführte Liste an verfügbarem Rollenspielmaterial bei weitem nicht vollständig ist, riesige Mengen sind es immer noch nicht, aber das eine oder andere Buch gibt es schon noch. Auch für Bereiche jenseits des Rollenspiels gibt es massenweise Tipps.
Die Zeittafeln, die das zweite Kapitel bilden, sind nach Themen wie Wirtschaft oder Kunst/Kultur gegliedert und nicht weiter erwähnenswert; zu jedem Jahr gibt es ein paar Einträge. Recht nett sind die Kästen mit der Überschrift „Wie passen die Spielfiguren in dieses Bild?“ zu jedem Thema, in denen ein paar Hinweise zum Einfluss, den die Charaktere auf die geschilderten Ereignisse haben könnten, gegeben werden.
Die Kästen sind es überhaupt, die dem Buch seinen ganz eigenen Charme verleihen und die nicht unwesentlich dafür verantwortlich sind, dass es so viel Spaß macht in dem Band herumzuschmökern. Kaum eine Seite auf der nicht ein, teilweise sogar mehrere eingerahmte Kommentare, Zitate oder Hinweise zu finden sind. Andere Rollenspiele werden erwähnt, fiktive Varianten von historischen Ereignissen genannt und kleine Listen mit zusätzlichen Informationen gegeben.
Eine große Anzahl von Kurzbiographien bildet das dritte und zweitgrößte Kapitel. Von fiktiven Charakteren wie Sherlock Holmes oder Dracula über politisch wichtige Persönlichkeiten wie Otto von Bismarck bis hin zu Wissenschaftlern und Künstlern ist alles zu finden. Jede Person erhält einen längeren Absatz und den Hinweis, wie sie im Spiel zum Einsatz kommen könnte. Auch hier macht es überraschend viel Spaß hin- und herzublättern und immer mal wieder einen Absatz zu lesen. Was solch eine Liste für das Rollenspiel bringen mag, muss jeder für sich selbst entscheiden. Es ist ja doch eher unwahrscheinlich, dass die Spieler Personen wie Sisi wirklich begegnen, andererseits wird durch ihre Nennung ein gewisses Zeitbild geschaffen, das der Spielleiter beim erzählen seiner Geschichten weitergeben kann. Und die Möglichkeit berühmte Persönlichkeiten ins Spiel einzubauen kann ja auch reizvoll sein.
Das nächste Kapitel ist der Kern des Buches. In „Die Welt um 1880“ erfährt der Leser etwas über die Weltpolitik, Verkehrsmittel, Lebensstil, Kleidung und viele andere Bereiche der Zeit, wobei auch fiktive Seiten erwähnt werden. Unter „Reisen und Verkehr“ befinden sich zum Beispiel auch Einträge über Kapitän Nemo und Raumfahrt. All das wird auch hier von Kästen mit Zitaten, kleinen Listen und allgemeinen Bemerkungen unterstützt.
„Länderprofile“ versucht einen Überblick über die einzelnen Länder zu geben, wobei dieser natürlich auf Grund des Platzmangels nur sehr allgemein gehalten sein kann. „Abenteuer in Übersee“ setzt den Länderüberblick mit Informationen über die Kolonialstaaten und andere „unzivilisierte“ Gegenden fort. Preislisten bilden den Anhang.
So viel Spaß es auch macht in dem Compendium herumzublättern und interessante Informationsbrocken zu finden, als Nachschlagewerk ist es nicht sehr gut geeignet. Dafür sorgt zum Beispiel der fehlende Index. Es steht zu bezweifeln, dass ein Detail, das spontan im Spiel gebraucht wird, in annehmbarer Zeit gefunden werden kann.
Trotz dieses kleinen Mankos kann Dr. Nagelius’ Compendium fast uneingeschränkt empfohlen werden. Die vielen Details in dem Buch können jedem Spielleiter helfen, seinen Geschichten die gewünschte Tiefe zu verleihen. Es bleibt zu hoffen, dass sich genug Leute finden, die meine Meinung teilen, damit der Autor wenigsten seine Ausgaben wieder hereinbekommt. Es wäre schade, wenn sich die lange Nachforschungsarbeit nicht gelohnt hätte. Viereinhalb von fünf Sternen erscheinen mir jedenfalls gerechtfertigt.
[ Dr. Nagelius’ wohlfeiles und weitschweifiges, exzentrisches und eklektisches Encyclopaedisches Compendium der bekannten Welt von Rainer Nagel, Softcover, A4, 188 Seiten, Deutsch ]