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Rezension
Exalted: The Lunars
Als ich das erste Mal hörte, dass White Wolf ein Fantasy-Rollenspiel veröffentlicht haben, war ich sehr skeptisch. Es sollte eine High-Fantasy-Welt sein, die auch noch Anime-Einflüsse hatte. Man konnte also erwarten, dass die Spielercharaktere irgendwie viel mächtiger als Menschen waren (wie immer bei Spielen von White Wolf) und dass es sich sonst um eine mehr oder weniger normale High-Fantasy-Welt handelt.
Das alles klang nicht sehr spektakulär. Trotzdem nahm ich das kostenlose Heftchen "The Tomb of 5 Corners" (Kurzregeln und Abenteuer) mit, als ich es in meinem freundlichen, ortsansässigen Fantasyladen fand – und ich war positiv überrascht. Die sehr kurze Beschreibung der Welt offenbarte zwar noch keine grandiosen Innovationen, aber sie schien nett und stimmig zu sein. Wirklich positiv überrascht war ich hingegen von den Regeln: Sie sind zwar den Vampire-Regeln sehr ähnlich (Würfelpool mit 10-seitigen Würfeln, Punkte auf dem Charakterbogen, Mindestwurf usw.), aber so viele Kleinigkeiten waren einfach besser als bei Vampire. Das gesamte System ist einfacher und übersichtlicher und irgendwie auch funktioneller geworden. Und nachdem ich mir schließlich die Grundregeln gekauft hatte, musste ich feststellen, dass auch die Welt recht ungewöhnlich ist und dass ihr der Anime-Einfluss, der mich zunächst abgeschreckt hatte, sogar sehr gut tut. Exalted ist High Fantasy pur.
Die Exalted (oder Die Hohen, wie sie in der deutschen Übersetzung von Feder und Schwert genannt werden. Ich werde im Folgenden bei den englischen Bezeichnungen bleiben, weil das Buch auch auf englisch ist.) sind die Spielerfiguren. Sie sind gottgesandte Wesen, die von den Dragon-Blooded vor sehr langer Zeit ermordet und eingekerkert wurden, wodurch sich diese Wesen die Herrschaft über die Menschen sicherten und sie seitdem mit starker Hand regieren. Doch nun ist die Herrscherin des Imperiums verschwunden, niemand kümmert sich mehr um die Gräber der Exalted und das Reich fällt langsam auseinander. Die unsterblichen Exalted werden wieder in neue Körper geboren und können nun versuchen, den Dragon-Blooded die tyrannische Herrschaft über die Menschen streitig zu machen.
Die Spielercharaktere sind also die Guten, die die Welt vor dem Zusammenbruch retten sollen. Ich persönlich muss sagen, dass mich die Dragon-Blooded als Spielercharaktere viel mehr reizen würden. Das moralische Durcheinander einen Tyrannen zu spielen, der sich nach über 1000 Jahren Herrschaft einfach im Recht fühlt (immerhin lief es auf der Welt relativ gut) würde mir im Spiel sehr gefallen. Andere haben wieder andere Vorlieben.
Zum Glück werden viele Vorlieben bedient, es gibt nämlich eine Reihe weitere Untergruppierungen von mächtigen Wesen auf der Welt. Und für jede davon gibt es ein eigenes Buch, das auf die Regeln von dem Exalted-Grundbuch aufbaut, sonst aber alles liefert, was man braucht, um einen Charakter aus dem passenden Bereich zu spielen.
Die Lunar sind eine von diesen Untergruppen und ihnen widmet sich das vorliegende Buch. Sie sind die Gestaltwandler der Welt, sie werden als Götter von den Barbaren angebetet oder als Dämonen gefürchtet. Sie leben am Rande Schöpfung, dort wo das Chaos die Landschaft unberechenbar macht, weitab von jeglicher Zivilisation, die sie als verweichlicht ansehen und deren Einfluss sie meiden, wo es nur geht. Sie werden sich immer auf sich selbst, ihren Mut und ihre Stärke verlassen und werden niemals die „Errungenschaften“ der Zivilisation akzeptieren.
Das Buch ist hübsch aufgemacht, wie man es von einer Produktion von White Wolf erwarten würde. Durch das Anime-Thema ist der Stil der Zeichnungen relativ festgelegt. Sie sind dementsprechend im Mangastil gehalten und bieten ein konstantes Bild. Entweder es gefällt einem oder nicht, die Qualität ist aber hoch genug, dass sich die Mehrheit davon überzeugen lassen sollte. Das Buch selbst hat ein ansprechendes Cover, ist stabil und professionell und mit seinen 258 Seiten schon allein aufgrund der Menge Papier, die man in der Hand hält, irgendwie beeindruckend.
Zu Beginn des Buches bekommt der Leser nach den üblichen einleitenden Worten einen Überblick über die Welt, in der sich die Lunar befinden. In diesem Fall dreht sich also alles um die Barbarenvölker der Länder an den Grenzen der Schöpfung, wo das Chaos an Macht gewinnt ("Barbaren" steht hier für die Naturvölker der Länder). Selten habe ich ein Kapitel erlebt, das so gut einen Überblick über eine Lebensweise von sehr verschiedenen Völkern gibt wie dieses. Nach der Lektüre, während der man alles über Kriege, Religion, Moral, das nomadische Leben, Hexerei und Riten erfährt, hat man ein Gefühl für das barbarische Leben und den Einfluss, den die Lunar darauf haben. Die Texte sind sehr deutlich und mit vielen Beispielen durchsetzt. Im letzten Teil des Kapitels sind zusätzlich diverse Barbarenvölker in Kurzfassung beschrieben, so dass man auch für die Vielfalt ein Gefühl bekommt.
Das zweite Kapitel handelt von den Lunar selbst, wie sie leben, wo sie herkommen und welche Ziele sie haben. Ich fand das Kapitel nicht so spannend wie das erste, aber es ist natürlich fast noch wichtiger, wenn man einen Lunar spielen oder als Gegner für die Charaktere in ein Abenteuer einbauen will. Auch hier wird alles erklärt, was an allgemeinen Fragen auftauchen könnte, einschließlich der Beschreibung einiger uralter Lunar aus dem ersten Zeitalter, Riten, Lebensweise und sogar Feinden der Lunar.
Die Charaktererschaffung wird in einem sehr kurzen Kapitel abgehandelt und unterscheidet sich nur in wenigen Details vom üblichen Verfahren. Interessanter werden da schon die Eigenschaften der Lunar, die im vierten Kapitel besprochen werden. Hier werden auch die Kasten beschrieben. Es gibt nur drei, wobei sie sich diesmal nicht nach dem Stand der Sonne sondern - nicht weiter überraschend - an den Mondphasen orientieren: No Moon, Full Moon und Changing Moon. Hintergründe, Status u. a. werden auch abgehandelt - alles nicht weiter überraschend, aber nötig für ein Buch dieser Art.
Die Charms, also die besonderen Fähigkeiten der Lunar bekommen natürlich ein eigenes sehr langes Kapitel. Die besonderen Fähigkeiten aller Wesen der Schöpfung als kleine, gut verdauliche Charms zu beschreiben, halte ich für einen ziemlich gelungenen Schachzug von White Wolf. Nicht nur hat der Verlag so die Möglichkeit eine endlose Anzahl von Büchern zu veröffentlichen, in denen Seitenweise neue Charms beschrieben werden, sondern die Aufteilung der besonderen Fähigkeiten in diese kleinen Happen ist auch sehr übersichtlich und einfach im Spiel anzuwenden (die erste Tatsache wird zwar viele Leser "Kommerz!" ausrufen lassen, aber wenn man genug "Support" für sein Spiel bekommen will - also veröffentlichte Bücher - dann muss sich der Verlag natürlich auch überlegen, was er veröffentlichen will. Ein Spiel, das nur ein Buch braucht, wird nicht gekauft, weil es nicht genug Support erhält. Wenn zu viele Bücher veröffentlicht werden, wird der Verlag als geldgierig beschimpft - wie man es macht, ist es verkehrt.) Und zusätzlich können die Spieler immer etwas Neues auf ihren Charakterbogen schreiben, das sie beim nächsten Spielabend ausprobieren können - und jetzt erzähl mir einer, dass das nicht etwas ist, was fast allen Spaß macht. Die Charms in diesem Buch drehen sich fast alle um die tierischen Elemente in den Lunar, also zumeist Instinkt und Kampf. Außerdem wird hier auch der Gestaltwandel der Lunar in Regeln gefasst.
Nachdem die Charms abgehandelt wurden, erhält der Leser ein eigenes Kapitel über The Wyld, also das Chaos außerhalb der Schöpfung. Ein unverzichtbares Kapitel für jeden Spielleiter, der das Chaos in seine Kampagne einbauen will. Hier wird das Chaos in gut beschreibbare Bereiche aufgeteilt (wie weit es das Land unter seine Kontrolle gebracht hat) und es gibt Regeln für Handhabung.
Den Schluss bildet ein ungewöhnlich langes Kapitel mit Spielleitertipps. Die ohnehin schon reichhaltigen Informationen des Buches werden hier sozusagen mit Sahne garniert.
Der Eindruck des Buches ist insgesamt ausgezeichnet. Das Bild von den Lunar wird sehr deutlich gezeichnet, Bebilderung, die üblichen kleinen Geschichten zu Beginn jedes Kapitels und das klare Layout unterstützen dies noch. Allein die Beschreibung des Barbarenlebens wäre eine Anschaffung wert. Was Werwolf nicht geschafft hat – nämlich anschaulich zu beschreiben, wie die Werwölfe leben –, bringt dieses Buch fertig.
"Exalted: The Lunars" ist ein Buch, das ich jedem ans Herz legen möchte, der Interesse an Barbaren in High-Fantasy-Welten im Allgemeinen oder an Barbaren in seiner Exalted-Kampagne hat. Ich dachte eigentlich, dass mich klassische Fantasy nicht mehr begeistern können würde, schon gar nicht, wenn sie in einem Spiel präsentiert wird, wo es um große Abenteuer mindestens genauso geht, wie um coole Fertigkeiten. Exalted und The Lunars hat mich eines besseren belehrt. Es ist allerdings nicht billig ein Exalted-Fan zu sein - aber was ist das schon.
[ Exalted: The Lunars, White Wolf, Regelbuch, 258 Seiten, Englisch, $29,95 ]