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Cthulhu abseits
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Rezension

My Life with Master

Ein ungewöhnliches Rollenspiel über Schurkerei, Selbsthass und unerwiderter Liebe

Rollenspiele haben schon immer eine Entwicklung mitgemacht. Waren es am Anfang noch Verließe und Monster, so hat das Hobby inzwischen viele Richtungen für sich entdeckt und jeden Tag werden neue Richtungen aufgezeigt und teilweise auch begangen.

"My Live with Master" entstammt einer der neuesten Bewegungen, bei der die Entwicklung einer Geschichte unter einem bestimmten Thema im Mittelpunkt steht. Die Charaktere sind dabei die Werkzeuge, mit deren Hilfe die Spieler gemeinsam mit dem Spielleiter (!) Geschichten von unterschiedlicher emotionaler Tragweite entwickeln, indem sie ihre Charaktere (unterstützt von den Regeln) handeln lassen und die Auswirkungen ihrer Handlungen erleben. Das klingt nach einem Versprechen, dass fast alle neueren Rollenspielsysteme geben, aber "My Life with Master" setzt diese Versprechen auf eine ganz andere Weise in die Tat um, als wir es gewohnt sind.

Seine Anfänge nahm "My Life with Master" in einem Forum für Spiele-Design (The Forge), dort wurde es weiterentwickelt und diskutiert bis es vor kurzem schließlich als 64-seitige pdf-Datei (allerdings mit wenig Text pro Seite) erschien und seitdem für $8,95 im Internet erstanden werden kann. Als solches ist dieser Werdegang natürlich nichts Besonderes mehr, viele Spiele sind inzwischen auf diese Weise entwickelt und auch verkauft worden, allerdings ist The Forge ein Forum, das sich sehr genau mit Rollenspieltheorien auseinandersetzt und diese im wirklichen Spiel testet. Viele schlaue Köpfe, diskutieren hier und produzieren regelmäßig außergewöhnliche Spiele. My Life with Master ist nur eines davon.

Die Spieler verkörpern Diener eines fremdartigen Herrn, der sie aussendet seine eigenartigen, teilweise bösen Aufträge zu erledigen. Sie sind also die Igors, die für Dr. Frankenstein Leichenteile vom Friedhof holen müssen oder die Diener des Vampirs, den es nach Blut gelüstet. Sie laufen immer Gefahr vom Mob des nahen Dorfes gestellt zu werden, wenn dieser mit Fackeln bewaffnet Richtung Heimstatt des Meisters zieht. Die Zeit ist festgelegt auf Anfang des 19. Jahrhunderts, die Zeit der Gothic Novel.

Der genaue Ort und der Herr sind frei von den Spielern wählbar. Der Spielleiter setzt sich vor Beginn des Spiels mit seinen Spielern zusammen und gemeinsam erschaffen sie Herr und Diener. Richtlinien im Spiel geben vor, worauf man bei der Erschaffung der Szenerie achten sollte. Die Werte, die den Figuren zugeordnet werden, unterstützen den Vorgang.

Anders als in den meisten anderen Rollenspielen spiegeln die Werte der Figuren weniger wider, was diese können oder nicht können (obwohl sie das auch tun), sondern viel mehr wie der Einfluss der Figur auf die Geschichte ist. Der Meister hat beispielsweise nur die beiden Werte "Furcht" und "Vernunft", wobei der erste angibt, wie stark der furchtbare Einfluss des Meisters auf seine Diener, die Bewohner des nahen Dorfes und teilweise sogar auf die Umgebung selbst ist. Die "Vernunft" gibt an, wie leicht andere Personen diesem Einfluss entkommen können.

Die Diener werden mit Hinweisen versehen, was sie besonders können und was sie gar nicht können (jeweils mit einem „es sei denn“ versehen, es könnte also sein, dass ein Diener besonders gut singen kann, es sei denn er wird beobachtet oder dass er nur sehr schwer hören kann, es sei denn der Meister spricht zu ihm.) Zusätzlich haben sie drei Zahlenwerte, den "Selbsthass" (ein Wert, der angibt, wie stark sie sich selbst für ein Monster halten - je höher, desto leichter kann der Meister sie manipulieren), die "Müdigkeit" (Weariness - gibt an wie sehr sich der Diener mit seiner Situation abgefunden hat und wie stark dies seinen Willen unterdrückt, was ihn nicht daran hindert, die Befehle des Meisters vernünftig auszuführen, sondern auch noch sich zu widersetzen) und die "Liebe", den einzigen für dem Diener positiven Wert. Er gibt an, ob er Liebe und Anerkennung gefunden hat.

Das gesamte Spiel rankt sich um den Konflikt zwischen Herr, Diener und dem nahen Dorf. Die Diener werden auf böse Missionen geschickt, würden sich gern widersetzen, können es aber zunächst nur selten (denn der Wert für "Liebe" startet bei null und ist zum Widersetzen unabdinglich) und suchen nebenbei Anerkennung – beim Meister oder bei Bewohnern des Dorfes. Dabei ändern sich die Spielwerte der Figuren fortwährend und reflektieren so die Veränderungen der Figuren und der Umgebung.

Wenn sie genug Anerkennung in Form von "Liebe" gesammelt haben, wird das Ende des Spiels eingeleitet, bei dem die Spieler beschreiben, wie die Geschichte für den Meister (meist mit dessen Tod) und die einzelnen Diener endet. Dabei werden die Werte der Charaktere zu Rate gezogen, die festlegen, ob der Charakter beispielsweise Selbstmord begeht oder fortan glücklich im Dorf lebt.

Das verwendete Würfelsystem ist einfach: Bei einer Probe würfeln sowohl der Spieler als auch der Spielleiter eine bestimmte Anzahl vierseitiger Würfel, Vieren werden aussortiert, der Rest wird addiert. Wer die höhere Zahl erreicht, gewinnt. Die Situation wird dementsprechend beschrieben. Zusätzlich ändern sich oft die Zahlenwerte auf dem Charakterbogen je nach Würfelergebnis. Interessant ist auch die Art, wie ein Unentschieden gehandhabt wird: Es wird nicht noch einmal gewürfelt oder anderweitig doch noch ein Gewinner bestimmt, sondern es wird – wie das Würfelergebnis ja auch angezeigt hat – als Unentschieden gewertet und auch dementsprechend in die Geschichte eingebaut. Die beiden Kontrahenten konnten aus irgendeinem Grund nicht zu einem Ergebnis kommen und haben dementsprechend beide weder Vor- noch Nachteil aus der Situation ziehen können. Eine kleine Regel, aber sie wirft interessante Situationen im Spiel auf.

Das Spiel faszinierend. Der Grusel kommt aus den absurden und emotional starken Situationen, die die Charaktere durchleben. Charakterdarstellung und Spielgestaltung (die Spieler können teilweise mitbestimmen, wie eine Szene gestaltet werden soll) stehen im Mittelpunkt. Dabei sorgen schnelle Schnitte zwischen den einzelnen Szenen für einen zügigen Spielfluss.

Um sich einen guten Eindruck von dem Spiel zu machen, besucht man am besten das Forum und liest dort einen Spieltestbericht von einem der Käufer des Spiels. Es ist nichts für den Gelegenheitsspieler, der ab und zu einen Ork totschlagen oder eine Stadt retten will, aber für den erfahrenen Spieler ist es ein ungewöhnliches Spielerlebnis mit überraschend viel Tiefgang. Nebenbei wurde das Thema mit erstaunlicher Präzision eingefangen.

Am Rande sei hier noch erwähnt, dass Ken Hite (Suppressed Transmission, GURPS Horror 3rd Ed., etc.) das Spiel als Bewerber für die Best New Idea Of The Show (bezogen auf GenCon 2003) bezeichnet hat – eine Meinung, die ich voll und ganz teilen kann. Ich habe jedenfalls noch nie ein Spiel gesehen, das den Spielern derart gutes Werkzeug in die Hand gibt, um verstörende Situationen zu erleben und andere Ziele des "guten Rollenspiels" (wie gute Charakterdarstellung) in die Tat umzusetzen. Viereinhalb von fünf Sternen.

Nachtrag: Mir wurde soeben mitgeteilt, dass es seit nicht allzu langer Zeit eine gedruckte Version des Spiels gibt, die man auf der Homepage des kleinen Verlages für $13,00 bestellen kann (plus Porto und Verpackung). Eine Alternative, die man in Betracht ziehen sollte.

[ My Life with Master von Paul Czege, Halfmeme Press, 64 Seiten, Englisch, $8,95 ]