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Rezensionen
Völkerband: Liberty
Liberty ist der erste so genannte "Völkerband" für Lodland und beschreibt das große Gebiet nördlich des bisher bekannten Seeraumes.
Der Metaplot von Lodland macht einen gewaltigen Schritt nach vorn, als RDL-Schiffe an der nördlichen Grenze auf unbekannte U-Boote stoßen. Es kommt zu Kämpfen, die später beigelegt werden. Ein Friedensvertrag soll den RDL vor einem großen Krieg mit dem Nachbarn bewahren.
Liberty steht unter militärischer Führung. Ganz oben in der Hierarchie sitzt der GreatFather, ein Mann, der seit 300 Jahren über Liberty herrscht und angeblich Gottes unsterblicher Sohn ist. Im Buch wird nicht verraten, was der GreatFather wirklich ist, aber einer kleiner (evtl. irreführender) Tipp verrät uns, dass der Mann einmal für ein paar Monate verschwunden war und nun nur noch über TV zu bewundern ist. In Person hat ihn seitdem niemand mehr gesehen. Der GreatFather ist allgegenwärtig. Überall hängen Poster mit seinem Abbild, ihm sind die Tischgebete gewidmet und die ChurchOfLiberty, die einzige offizielle Kirche Libertys, erkennt ihn als Gottes Sohn und als Herrscher an. Unter der Aufsicht des GreatFather regiert ein stramm organisiertes Militärsystem.
Die Gesellschaft von Liberty ist in Kasten aufgebaut. Durch die Kaste sind Einkommen und Ansehen eines Bürgers festgelegt. Man kann sich Tests unterziehen, um in eine andere Kaste aufzusteigen. Unfreiwillige Tests werden als Belohnung oder Strafe eingesetzt.
Liberty wurde nach dem Micheal-Mooreschen Bild von Amerika geformt. Ob es ein System ist, das Freiheit propagiert, aber die Bevölkerung gängelt („Macht, was ihr wollt, aber wenn es etwas anderes ist, als wir wollen, dann werdet ihr bestraft.“), ob es eine Regierung ist, die einen überdimensionierten Militärapparat pflegt und Angst vor einem großen Krieg in der Bevölkerung sät, ob es die Sprache ist oder Sport wie Bowling und Basketball, fast alles entspricht unserem heutigen Bild der Amerikaner. Selbst was diesem Bild nicht entspricht ist häufig nur eine Umkehrung unseres Amerikabildes. Die Unterschicht ist beispielsweise unterernährt, weil sie sich von dem billigen kalorienarmen FunFood ernährt. All das macht Liberty zu einem coolen Fantasy-Volk, das ein komplexes Bild vermittelt, aber noch gut spielbar bleibt. Natürlich ist zu vermuten, dass Liberty Amerika in der Unter-Wasser-Zukunft Lodlands sein soll, doch trotz aller Details vermittelt es nicht das Gefühl eines „realen“ Volkes, dazu ist das Mooresche Bild zu sehr mit Klischees durchzogen. Aber das muss ja nicht unbedingt ein Nachteil sein, mir ist ein gut gemachtes Fantasy-Volk allemal lieber als ein langweiliges "Realvolk."
Die gottesfürchtigen Liberty-Bürger sind aber nicht allein. Die „Renegades“, ein quasi-anarchisches Rebellenvolk, haben sich vor langer Zeit gegen den GreatFather aufgelehnt, wurden aber in einer groß angelegten Militäraktion besiegt und mussten fliehen. Heute gibt es ca. 600 000 Renegades, die von Überfällen auf Liberty leben. Ihrem Ärger über das herrschende System machen sie mit Terroranschlägen Luft. Ihre Technik ist nur so gut, wie das, was sie von den Libertys erbeuten können; ihr Umgang ist roher, „barbarischer“.
Kleine Kritikpunkte gibt es auch hier. Wie eine hightech-abhängige Gesellschaft bei einer Analphabetenrate von 60 % überleben soll, ist mir beispielsweise ein Rätsel. Aber irgendwas zu meckern findet man ja immer. Insgesamt sind die Renegades jedenfalls ein Volk, in dem man ein angenehmes (also spannendes) Abenteuerleben führen kann.
Die in den nächsten Kapiteln folgenden Archetypen und Schiffsbeschreibungen sind wie üblich übersichtlich und im Spiel gut anzuwenden. Die Seiten der beiden Abschnitte sind farbig, wobei man auf die Farbe bei den Archetypen lieber hätte verzichten sollen. Auch das sich anschließende Ausrüstungskapitel (wieder s/w) weicht nicht vom guten Standard ab.
Liberty kann gleich mit zwei Abenteuern aufwarten. „Father, oh Father“ ist für Bewohner Libertys konzipiert. Es beginnt sehr unterhaltsam. Die Charaktere werden auf eine Reservistenübung geschickt, die auch gleich den Höhepunkt des Abenteuers darstellt. Dort beobachten sie etwas Ungesetzmäßiges, dem sie hoffentlich auf eine eigene Faust nachgehen, um Punkte für ihren nächsten Test zu sammeln. Der Rest der Geschichte plätschert so vor sich hin. Es gibt ein paar Möglichkeiten zu schauspielern, ohne dass jedoch sehr viel dabei passiert. Leider müssen die Charaktere teilweise etwas unersichtliche Dinge tun, damit das Abenteuer funktioniert. "Father, oh Father" ist also ein weiteres in der Reihe der mäßigen Lodland-Abenteuer.
In „Liberty meets RDL“ können die Charaktere die erste Begegnung der beiden Völkergruppen miterleben; es kann sowohl aus RDL- als auch aus Liberty-Sicht gespielt werden. Viele Details müssen vom Spielleiter selbst entwickelt werden, es werden beispielsweise fast keine NSCs beschrieben. Hauptschwierigkeit ist wahrscheinlich, den Spielern irgendwie Einfluss auf die Handlung zu ermöglichen, der Ausgang der Begegnung ist ja vom Metaplot bereits festgelegt. Trotzdem könnte es interessant sein, dieses denkwürdige Ereignis direkt mitzuerleben. Und coole Spielleiter sorgen natürlich dafür, dass der Ausgang dieser ersten Begegnung vollkommen abhängig von den Handlungen der Spieler wird – später kann sich alles immer noch in eine beliebige andere Richtung (nämlich den gewünschten Weg des Metaplots) entwickeln.
Den Abschluss des Buches bildet eine tabellarische Übersicht über den Metaplot von der ersten Begegnung bis zur Unterzeichnung des Friedensvertrages. Nicht nur die Tabelle ist gewürzt mit Abenteuerideen, es folgt auch noch eine kleine zusätzliche Liste. Eine solche Übersicht würde man sich auch in manchen anderen Rollenspielen mit starkem Metaplot wünschen.
Obwohl ich das Lodland-Material von vorn herein recht gut fand, haben mich immer zwei Dinge gestört: Zum einen waren es die Völker, die mir für ein Science-Fiction-Spiel zu sehr nach Fantasy-Völkern aussahen. Ich musste aber von vorn herein zugeben, dass die Völker größtenteils gut entwickelt waren, meiner Kritik also etwas die Grundlage fehlt. Liberty setzt diesen Trend fort und verbessert die Qualität sogar noch. Ein Schritt in die richtige Richtung.
Zum anderen fehlte mir das „Abenteuerliche“ in Lodland; es fehlten zentrale Konflikte. Natürlich gab es verschiedene Konflikte: Wir bekamen ein Buch über Piraten und auch die Länder des RDL hatten durchaus Potential, sich gegenseitig ans Leder zu wollen, doch die Konflikte spielten sich immer in der zweiten Reihe ab. Selbst im Piratenbuch wurde uns erzählt, wie die Piraten leben, aber kaum wie sie kämpfen. Mit Liberty hat sich das zumindest teilweise geändert. Die Völker jenseits der nördlichen Grenzen des RDL leben im Zentrum vieler Konflikte. Die Gesellschaft schreit geradezu nach Leuten, die aus dem Kastensystem ausbrechen wollen, es gibt ein starkes und starres Religionssystem, Kulte, Ketzerei, eine sehr kriegerische Denkweise – und es gibt den großen Gegner, die Renegades, die Freiheit durch Terror erreichen wollen. Sogar innerhalb von Familien finden wir Grundlagen für Konflikte. Genau so etwas hatte ich gesucht
Zusätzlich legt der Metaplot von Lodland einen Kickstart hin. Der kurze Krieg zwischen Liberty und Lodland ist interessant zu verfolgen. Über regelmäßige (wenn auch mäßig geschriebene) Meldungen auf Lodland.de wurden wir über die Kämpfe und auch die anschließende Friedensschließung auf dem Laufenden gehalten. Und schon jetzt können wir erahnen, das der Friedensvertrag noch lange nicht bedeutet, dass der letzte Kampf bereits geschlagen wurde.
Fazit: Liberty bietet Unmengen an interessanten Informationen über den nördlichen Nachbarn des RDL. Der Völkerband ist spannend zu lesen, detailreich und verspricht ein konfliktreiches Spiel – und das alles im bisherigen Lodland-Stil. Die bisher „rundeste“ Veröffentlichung für das Unter-Wasser-Rollenspiel. Dreieinhalb von fünf Sternen.
[ Völkerband: Liberty, Image 3033, Sprache: Deutsch, Softcover, 100 Seiten, € 24,80 ]