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Cthulhu abseits
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Rezension

Kleine Völker – Düstere Kobolde aus Erdestiefen

Kleine Völker hat ein Thema, das für Cthulhu-Veröffentlichungen mehr als nur ungewöhnlich ist. Die "kleinen Völker", um die sich der Abenteuerband dreht, sind die Elfen und Zwerge europäischer Sagen – Redcaps, Hämmerlinge und Wichtel, die nichts mit den Elfen und Zwergen bekannter Fantasy-Welten zu tun haben. Doch auch wenn Hobgoblins hier keine großen, hässlichen Wesens sind, die von den Helden niedergeschlachtet werden sollen, sondern englische Hausgeister, die anscheinend nichts tun, als vor dem Kamin zu sitzen, auch wenn die Nibelungen eine ganz andere Art von Zwergen sind als beispielsweise Gimli aus dem "Urvater aller Fantasy-Romane", so fragt man sich doch nach dem Zusammenhang mit Cthulhu und seinen Kumpanen.

Was haben beispielsweise die Nibelungen, der gleichnamige Schatz und das Horn des Heimdall mit dem organisierten Verbrechen Berlins, dem jungen Indiana Jones und Außerirdischen zu tun?

Die Antwort liefert das erste Abenteuer des Bandes mit dem Titel "Siegfriedslust". Es haben so viele Personen an dem Szenario mitgeschrieben, dass sich nicht mehr feststellen lässt, wessen Einfluss für was verantwortlich ist, aber die Namen Steffen Schütte, von dem das Konzept stammt, und Wolfgang Schiemichen, der das Abenteuer schließlich aufschrieb, geben schon den ersten Hinweis darauf, dass die Geschichte nicht so an den Haaren herbeigezogen ist, wie man zunächst annehmen mag. Der Leser – und mit ihm später die Charaktere – wird in eine seltsame Welt erfüllt, in der ein Mordanschlag in eine Erbschaft mündet und diese in ein Erdbeben. Schließlich müssen die Charaktere ins Rheinland, das von französischen Truppen besetzt ist, um dort ihre eigentlichen Gegner zu besiegen.

Das Abenteuer ist vergleichbar mit einer Achterbahnfahrt, es ist zwar nicht möglich die Schienen zu verlassen, aber niemanden wird das stören, denn es geht in unglaublicher Geschwindigkeit ständig auf und ab, und man kommt immer wieder an Wendungen, mit denen man nicht gerechnet hat. Gradlinige Abenteuer sind oft problematisch, zu leicht finden sich Gruppen, die unbedingt in eine andere Richtung als die vorgegebene wollen, doch bei "Siegfriedslust" werden nur wenige Gruppen auf dieses Problem stoßen, zu sehr sind die Charaktere damit beschäftigt am Leben zu bleiben oder wichtigen Hinweisen nachzugehen.

Dabei ist es fast Schade, dass in jeder Ankündigung der Name Indiana Jones auftaucht, denn er erscheint als kleine Pointe der Geschichte. Vermutlich wird er nicht bei allen mit Freude aufgenommen werden – besonders bei Cthulhu-Puristen, die den Meister in allem und jedem exakt wieder finden wollen – aber irgendwie passt er ins Geschehen. Die Charaktere stolpern von einer Szene in die nächste, wie es in den guten alten Indie-Filmen der Fall ist, und auch die Action ist teilweise mit diesen vergleichbar – eine ungewöhnliche Abwechslung zum fast schon alltäglichen Wir-latschen-Hinweisen-hinterher-bis-wir-schließlich-die-Lösung-haben-Plot, wie man es von Cthulhu gewöhnt ist (und wogegen im Allgemeinen natürlich nichts einzuwenden ist, aber eine Abwechslung hier und da tut manchmal ganz gut).

Während sich "Siegfriedslust" noch um Verfolgungsjagden mit Soldaten, mörderische Freikorps und Erdbeben dreht, wählt Gestohlene Leben, das zweite Abenteuer, einen wesentliche kleineren Maßstab für die Handlung. Klassische Zutaten wie die Isolation an einem fernen, seltsamen und alten Ort mischen sich mit Paranoia und seltsamen Geräuschen aus Räumen, die man nicht betreten kann. Das Abenteuer ist wie eine Horrorgeschichte: Eine Busreise endet jäh in einem Unfall, und ein winziges Hinterwäldlerdorf in der Nähe bietet die einzige Zuflucht vor dem Sturm und der Kälte. Kaum verständliche Bergbauern mit inzestuösem Geist und seltsamem Gebaren sind die einzigen „zivilisierten“ Wesen in Reichweite. Und schon bald reiht sich Gruselszene an Gruselszene bis die Geschichte schließlich in einem actionreichen Finale (vielleicht) endet.

"Gestohlene Leben" entleiht viel der klassischen Horrorliteratur und setzt es in einem kurzweiligen und spannenden Abenteuer um. Auch diese Geschichte ist recht gradlinig, aber die räumliche (das Dorf) und zeitliche (eine Nacht) Begrenzung des Abenteuers sorgt für einen flüssigen Verlauf, selbst wenn die Charaktere vom vorgesehenen Pfad abweichen – der Spielleiter sollte sie ohne viel Schwierigkeiten und vor allem ohne allzu offensichtliches „Rail-Roading“ wieder auf diesen zurückschicken können.

Etwas enttäuschend war leider das Hintergrundkapitel zum Thema Elben und Zwerge. Zwar werden einige wenige Hintergründe gegeben, doch insgesamt beschränkt sich der kurze Artikel auf den Hinweis, dass man die angesprochenen Sagengestalten bei Cthulhu einsetzen kann und eine Liste mit kurzen Beschreibungen von einigen Wesen. Viele möglichen Hintergründe werden nicht oder nur im Nebensatz zur Sprache gebracht. Die gegebenen Informationen sind dadurch zu bruchstückhaft, um mehr als einen faden Eindruck zu vermitteln. Aber man darf nicht ungerecht sein: Ich bin wahrscheinlich ein viel zu großer Fan der Materie, um mit einem Kapitel von sechs Seiten zufrieden gestellt werden zu können. Für viele Leser werden die wenigen vorhandenen Worte ausreichen, denn das Hauptaugenmerk des Bandes liegt auf den beiden Szenarien und diese sind nicht nur ausgezeichnet gelungene Geschichten, sondern auch großartige Beispiele für die Thematik, so dass weitere Worte manchem wahrscheinlich überflüssig erscheinen würden.

Die grafische Gestaltung des Buches ist die gleiche wie in den letzten Bänden: sehr passend und stimmungsvoll, mit vielen alten Fotografien und einer großen Menge, teilweise handgefertigten, Handouts. Auf den Titelbildern sollte allerdings in Zukunft ein wenig mehr Ruhe einkehren, dann könnte man den Titel lesen, ohne sich die Augen zu verbiegen, und die vorhandenen Bilder besser genießen.

Fazit: Man sollte sich auf keinen Fall von der ungewöhnlichen Thematik des Buches abschrecken lassen. Die Abenteuer sind zwar ungewöhnlich, aber schließlich doch viel näher an gewohnten Abenteuern als es zunächst scheinen mag. Wer Spannung und Grusel vor mystischem Hintergrund mag, wird den Band lieben. Zu beachten ist nur, dass es mehr Action gibt als gewöhnlich, was den einen oder anderen vielleicht abschrecken wird. Fünf von fünf Sternen - ich war schon lange nicht mehr so zufrieden volle Punktzahl geben zu können.

[ Kleine Völker – Düstere Kobolde aus Erdestiefen, Steffen Schütte, Wolfgang Schiemichen, Florian Hardt u. a., Pegasus Press, 128 Seiten, Euro 16,80, Deutsch ]