Pages from the Book of Eibon
Home | Abenteuer | Artikel | Rezensionen | Links | | Schwarze Erinnerungen | Kontakt | Disclaimer

Cthulhu abseits
historische Settings | SciFi-Settings | andere Rollenspiel-Settings | Verschiedenes | Gedrucktes

Rezension

Kill Puppies for Satan

Kill Puppies for Satan ist eins von vielen sogenannten Independent-Rollenspielen, die es im Internet zu finden gibt. Der Name wirkt zunächst abschreckend, besonders wenn man die eigenartigen Diskussionen, die Rollenspiel ab und zu auslöst in Betracht zieht. Doch obwohl das online-publizierte Rollenspiel genau in die Nische zu passen scheint, in die Kritiker Rollenspieler immer wieder stecken wollen, ist es eines der beliebtesten Spiele von The Forge (www.indie-rpgs.com), was für mich ein Grund war, es mir genauer anzusehen.

Die Homepage ist schmucklos aber übersichtlich. Vom eigentlichen Spiel gibt es ein paar sehr komische und kurzweilige Ausschnitte, die einen recht guten Eindruck vermitteln, was einen erwartet. Vor allem der Schreibstil fällt ins Auge. Wer es generell nicht mag, wenn geflucht wird, der wird schon hier zur nächsten Webpage weiterklicken. Wenn man die Ausschnitte gelesen hat, kann man das Spiel mit einer einfachen Mail beim Autoren bestellen, der es entweder per Post zuschickt (so richtig auf Papier!) oder auf Wunsch eine pdf-Datei an eine beliebige Email-Adresse sendet. Dieser Schritt ist umsonst. Eine Bezahlung für das Spiel wird im Vorfeld nicht verlangt: Schaut es euch an, und wenn es euch gefällt, dann könnt ihr euch ja überlegen, was ihr bezahlen wollt: ein paar Dollar per Post oder etwas anderes Nettes. Wenn es euch nicht gefällt, dann vielen Dank für die Aufmerksamkeit. - So ähnlich heißt es auf der Homepage.

Die .pdf-Datei (ich habe diese Variante gewählt, damit nicht unnütz Papier über den "großen Teich" befördert werden muss) hat eine "Stärke" von 32 Seiten und ist schmucklos jedoch nicht ohne Stil: einspaltig, die Überschriften sind in einer schreibmaschinen-ähnlichen Schrift, der Rest des Textes in normaler Schreibmaschinenschrift. Zunächst etwas gewöhnungsbedürftig ist die Tatsache, dass alles klein geschrieben ist; kein einziger Großbuchstabe ist auf den Seiten zu finden. Doch all das zusammen gibt dem Text einen eigenen Charme. Denn obwohl es nicht sehr aufwendig ist, passt es ausgezeichnet zur Sprache und auch zum Inhalt. Es wirkt nämlich ein wenig billig - wirklich sehr passend, wie sich sehr bald zeigen wird.

Worum es in dem Spiel geht, bleibt zunächst ungeklärt; der Autor verrät es nie direkt, er liefert nur die Einzelteile und überlässt es dem Leser diese zusammenzusetzen. Was wir von der Titelseite wissen (dort steht es in kleinen Buchstaben), ist, dass das Töten von kleinen Hunden für Satan offensichtlich ein wichtige Rolle spielt. Untertitel: "An Unfunny Roleplaying Game". Die Einleitung ist genau zwei Zeilen lang. Wir lesen, dass kleine Hunde in einen netten Hundehimmel kommen. Zum Glück, so wird uns mitgeteilt, ist Satan das scheißegal. Der Charakterbogen ist ein Zettel auf den der Spieler zuerst einmal "Ich töte kleine Hunde für Satan" schreiben muss. Der Rest sind vier Attribute und noch ein paar kleine Zusätze. Allerspätestens jetzt wird auch dem letzten klar, dass auf den nächsten Seiten weder mit Ästhetik noch mit "gutem Geschmack" zu rechnen ist. Das Thema des Spiels selbst wird schon genug Leute abschrecken, zusätzlich flucht der Autor ununterbrochen und Attribute wie "Fucked up" oder "Cold" sprechen Bände. Das System ist ähnlich "dreckig". Würfelt, zählt das und das dazu und habt zusammen mehr als sieben (oder sechs, wenn der Spielleiter es für sinnvoll hält), dann ist die Probe gelungen. Der Kampf ist genauso kurz. Generell wird nur gewürfelt, um ab und zu ein Zufallselement zu erzeugen, wenn der Spielleiter es für richtig hält - "Rules light" in Vollendung. Der Kampf mit Schusswaffen ist hierfür vielleicht das extremste Beispiel: Wir lesen voller Erstaunen, dass es hierfür keine Regeln gibt. So etwas kompliziertes wie ein Schusswechsel oder gar eventuell entstehende Schussverletzungen kann man nicht mit Regeln nachstellen. Statt dessen heißt es: Sieh zu, dass deine Spieler jedes Mal Angst haben, wenn eine Schusswaffe ins Spiel kommt und sorg dafür, dass sie das Schießpulver riechen können. Dann wird der Kampf spannend. Ergänzt wird diese Aussage durch diverse Tipps. (Im ersten und bisher einzigen Supplement zum Spiel ist übrigens ein sehr hilfreiches Beispiel zu finden.)

Doch hinter all dem Gefluche, trotz der fehlenden Einleitung, obwohl nie gesagt wird, worum genau es eigentlich geht, und obwohl der Leser oft nur Bruchstücke und Beispiele um die Ohren gehauen bekommt, ist das Spiel spielbar und auf eine eigenartige lückenhafte Art vollständig. Und vor allem witzig. Der Autor gibt fluchend und spuckend - immer mit einer gehörigen Portion Ironie - Einsichten in ein Spiel von sich, das sich erst nach und nach beim Lesen erschließt. Und nach und nach wird dann auch klar, worum es in dem Spiel geht. Die Charaktere sind der Abschaum der Menschheit, das Fußvolk Satans, die mittellosen und machtlosen Leute am Fuße der Gesellschaft, denen nicht mehr zugetraut wird, als Kummer zu erzeugen, in dem sie kleine Missetaten begehen. Die Regeln Satans sind da ziemlich eindeutig: Haltet euch aus den großen Dingen heraus! Auf Seelenfang gehen die einflussreichen Leute oder die Dämonen selbst (die übrigens ziemlich sauer werden können, wenn sich jemand versucht in dieses Geschäft einzumischen). Wenn ihr euch daran haltet, bekommt ihr für verbreitetes Elend ein wenig Macht.

Ausgedrückt wird diese Macht in Punkten, sogenanntem "Evil". Für tote Haustiere (ja, darauf läuft es hinaus, nicht geschmackvoll, aber zum Spiel passend. Schwarzen Humor sollte man ohnehin dringend mitbringen.) bekommt man Evil und kann es für magische Wirkungen wieder ausgeben.

Abenteuer ergeben sich aus dem täglichen Überlebenskampf der Charaktere. Freunde der Charaktere kommen in Schwierigkeiten, die Charaktere kommen an einen magischen Gegenstand, den auch andere haben wollen, oder irgendein Familienvater beschließt amoklaufend Rache für das Lieblingsmeerschweinchen seines Sohnes zu nehmen.

Die 32 Seiten enthalten Tipps, wie man Satan darstellen soll (sehr gelungen übrigens, als Vorbild dient eine Lehrerin des Autors), wie man den ersten Spielabend beginnen könnte (ausgesprochen witzige Idee, die wahrscheinlich auch noch funktioniert), Beschreibungen von anderen Wesen wie Zauberern, Aliens, harmlosen Menschen u. a., ein Beispielabenteuer und noch ein paar Kleinigkeiten mehr - immer witzig und mit ungewöhnlichen und unerwarteten Einsichten in das Rollenspiel allgemein und dieses im Speziellen.

Fazit: Kill Puppies for Satan ist ein eigenartiges Spiel. Doch wenn man schwarzen Humor mitbringt und schon eine Weile Rollenspiele spielt (die bruchstückhafte Darstellung der Dinge würde es Anfängern sehr schwer machen), dann sollte man es sich schicken lassen. Ich habe jedenfalls viel gelacht, und auch wenn ich es wahrscheinlich nie spielen werde, so werde ich doch einige Ideen daraus in mein eigenes Spiel übernehmen. Noch eine Bitte am Schluss: Tiefreligiöse Menschen mögen Vorsicht walten lassen. Ich fand Kill Puppies sehr witzig, aber das heißt noch lange nicht, dass jeder meine Meinung teilen muss.

Kill Puppies ist nicht leicht zu spielen, deshalb bekommt es "nur" viereinhalb von fünf Sternen.

Update: Das Spiel ist schon eine ganze Weile nicht mehr als Shareware zu erhalten. Auf der Homepage kann man es aber für nur $10 als pdf kaufen (einschließlich des Quellenbuches).

[ Kill Puppies for Satan von Vincent Baker, Zettelsammlung oder .pdf-Datei, 32 Seiten, Sprache: Englisch, Preis: so viel man für richtig hält. http://www.septemberquestion.org/lumpley/puppies.html ]