| Pages
from the Book of Eibon |
| Cthulhu
abseits |
Rezensionen
The Book of Dzyan
Ein Buch aus den Arkham Archives Chaosium
Das Buch von Dzyan ist angeblich das älteste Buch der Welt. Aufbewahrt im fernen Tibet, beschreibt es die Entstehung der Welt, berichtet über die sieben Rassen, über Atlantis und über den Kampf zwischen den Göttern. Zu finden ist das Buch bei einer Bruderschaft von tibetanischen Mystikern mit besonderen Fähigkeiten über Körper und Natur. Mme. Blavatsky, die Chefsekretärin und heimliche Leiterin der theosophischen Gesellschaft, schrieb ein zweibändiges Werk, daß auf Zitaten aus dem Buch von Dzyan (was übrigens Dschahn ausgesprochen wird) beruht, die ihr angeblich in Briefen und Träumen von den tibetanischen Mystikern offenbart wurden. Dieses Werk, Die geheime Doktrin, stellt wohl das wichtigste okkultistische Einzelwerk des 19. Jahrhunderts dar.
H. P. Lovecraft erfuhr von dem Buch in einem Brief von E. Hoffmann Price, einem befreundeten Horrorschriftsteller. Was er hörte, begeisterte ihn dermaßen, daß er den Namen des Buches mit in seine Geschichten aufnahm teilweise in einem Absatz mit dem berühmten Necronomicon oder den Unaussprechlichen Kulten. Diesen Umstand nahm Chaosium zum Anlaß, ihre neue Reihe der Miskatonic University Archives mit diesem Werk zu beginnen. Die Archive werden sich mit wichtigen Werken des Okkultismus beschäftigen.
Optisch unterscheidet sich "The Book of Dzyan" nicht von den wohlbekannten Büchern der Reihe "Cthulhu Fiction". Das Cover des ca. 270seitigen Taschenbuchs zeigt eine Zeichnung von Mme. Blavatsky und ist ansonsten nicht weiter nennenswert. Der Druck ist gut und die Bindung hält einiges aus.
Auf den ersten 70 Seiten des Buches gibt der Editor Tim Maroney eine Einleitung zum Thema. Er beschäftigt sich kurz mit dem hochinteressanten Leben der Mme. Blavatsky und mit dem Einfluß, den sie und ihr berühmtestes Werk Die geheime Doktrin auf den Okkultismus und Spiritismus späterer Zeiten und auf die unheimliche Literatur hatte. Auch Lovecraft findet Erwähnung. Die Einleitung hilft dem Leser sehr, die folgenden Kapitel zu verstehen und im richtigen Zusammenhang zu sehen. Maroney schreibt aus der Sicht des wissenschaftlichen Skeptikers, versucht aber gleichzeitig aufzuzeigen, warum Mme. Blavatsky, die immer wieder auf Taschenspielertricks zurückgriff, um ihre Anhängerschaft von ihren besonderen Fähigkeiten zu überzeugen, trotz allem einen solchen Einfluß bis ins heutige Jahrhundert haben konnte. Diese ersten Seiten des Buches sind wahrscheinlich die spannendsten und geben einen guten ersten Eindruck.
Auszüge aus der geheimen Doktrin bilden den zweiten Teil des Buches. Sie bilden auch gleichzeitig den komplexesten und am schwersten verständlichsten Teil. Wenn man sich näher mit dem Gedankengut der theosophischen Gesellschaft auseinandersetzen will, dann sind die Zitate aus dem Buch von Dzyan sicherlich sehr interessant, aber selbst mit den Kommentaren, mit denen Mme. Blavatsky versucht, sie dem Leser näherzubringen, bleiben sie sehr abstrakt und schwer nachvollziehbar. Der Rollenspieler, der sich das Buch aus Neugierde gekauft hat und sich nur aus der Sicht der unheimlichen Literatur und des Rollenspiels damit beschäftigen will, wird sicherlich wenig Freude an dem Kapitel haben. Aber wenn man wenigstens einen Teil davon liest bekommt man schon einen netten Einblick in die Philosophien und die teilweise etwas durcheinandergeratenen Gedanken der Mme. Blavatsky, die mit ihren Lehren versucht Wissenschaft, alle Religionen und Teile der fernöstlichen Lebensweisheiten zusammenzuführen. Vielleicht kann der Leser auch einen Teil der Faszination verstehen, den diese Frau auf die Menschen bis zu heutigen Tage ausübt.
Das dritte und kürzeste Kapitel des Buches ist als Kontrast mit aufgenommen worden. Ein Anhänger eines Ablegers der theosophischen Gesellschaft versuchte Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, den dritten Band der geheimen Doktrin, der zwar angekündigt, aber nie geschrieben wurde, nachzureichen. Einen Teil des veröffentlichten Textes wird hier abgedruckt. Tim Mahoney versucht damit zu zeigen, daß Mme. Balavatsky im Einklang mit irgend etwas war, im Gegensatz zu vielen ihrer Nacheiferer. Spätestens wenn man diese wenigen Seiten gelesen hat, weiß man, warum Mme. Blavatskys Worte Bestand haben, und die vieler ihrer Nachfolger nicht.
Auf den letzten 115 Seiten findet sich ein Bericht der Gesellschaft für parapsychologische Nachforschungen (den Begründern der modernen Parapsychologie), deren Mitglieder versucht haben, den Ursprung und die Authentizität der angeblichübernatürlichen Begebenheiten zu klären, die im Zusammenhang mit Mme. Blavatsky und ihrer Anhänger beobachtet wurden. Teilweise liest sich dieser Bericht wie eine Detektivgeschichte. Die untersuchende Person versucht Wunder zu erklären, sucht nach Geheimtüren und muß sich gegen Vertuschungsmaßnahmen behaupten. Dieser würdige Abschluß für das Buch vervollständigt auch das Bild um die theosophische Gesellschaft und deren Mitglieder.
Insgesamt war ich überrascht, wieviel Informationen für das Cthulhu-Rollenspiel aus den gelesenen Seiten gezogen werden können. Natürlich finden sich hier keine Rollenspieltips oder Auflistungen von Szenarioideen, aber insgesamt wird ein relativ vollständiges Bild der okkultistischen Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts gezeichnet nicht vollständig, in dem Sinne, daß alle Tatsachen geschildert werden, aber der Leser bekommt doch einen guten Eindruck der Gegebenheiten. Das sollte einem Spielleiter sehr behilflich sein, wenn er versucht einen weniger extremen Kult zu beschreiben. Wer sich generell für das Thema interessiert, bekommt zwar einen durch den derzeitigen Dollarpreis ziemlich teuren, aber insgesamt durchaus interessanten Einblick.
Fazit: Interessanter als erwartet mehr im Rollenspiel verwertbare Informationen als erwartet. Aber man sollte schon ein wenig generelles Interesse und ein paar Englischkenntnisse mitbringen, wenn man an dem Buch Freude haben will.