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Rezensionen
H. P. Lovecraft’s Dreamlands
Lovecrafts Traumlande haben schon immer die Massen gespalten (soweit man bei Cthulhu-Fans von „Massen“ sprechen kann). Die einen finden, dass die fantastische Stimmung einer traumhaften Fantasywelt nicht zum kosmischen Grauen Lovecrafts passt, die anderen lieben sie wegen der unendlich vielen Möglichkeiten, die sie für das Cthulhu-Rollenspiel bieten.
Die Traumlande sind eine Welt, die aus dem Unterbewusstsein der Menschen – aus ihren Träumen – entstanden sind. Da das Unterbewusstsein der Menschen immer etwas primitiver als das Bewusstsein ist, sind auch die Traumlande mehrere Hundert Jahre hinter unserer Technik zurück geblieben und bilden so eine bizarre Fantasywelt voller unglaublicher Wesen, Völker, Länder und Städte, wie sie eben nur erträumt werden können. Sie sind eine Mischung aus Lord Dunsanys unnachahmlicher Fantasy (von der sich Lovecraft bei seinen Traumlandgeschichten hat inspirieren lassen) und Lovecrafts bizarrem Horror. Wir finden darin die Stadt Celephäis, die schön genug ist, um einen Wanderer auf eine lebenslange Suche nach ihr zu schicken; die grausamen Städte der Gugs in der Unterwelt und die abgründigen Täler der weltenverschlingenden Dhole.
Das vorliegende Buch ist weitestgehend ein Nachdruck der vergriffenen
4. Edition der Dreamlands als Hardcover und enthält zusätzlich vier
Abenteuer aus der 3. Edition, sechs Stück insgesamt.
Das Buch ist hübsch anzusehen: ein stabiles Hardcoverbuch mit 256 Seiten,
einem zum Thema passenden Coverbild und einer gelungenen herausnehmbaren (und
farbigen) Posterkarte. Auch die Innengestaltung weiß zu überzeugen.
Nach einer langen Einleitung, wie man die Traumlande betritt und
wie man eine passende Stimmung im Spiel erzeugt, folgt eine 26 Seiten lange
Zusammenfassung der Geschichte The Dream-Quest of Unknown Kadath. Sie ist zwar
etwas lang, aber wahrscheinlich die bestmögliche Einführung in die
Traumlande. Wenn man nach dem ersten Durchblättern des Buches noch nicht
völlig fasziniert von den Traumlanden ist, dann könnte es die Zusammenfassung
schaffen, die nötige Begeisterung auszulösen. Ein recht breiter Bereich
an Spieltipps ist über die Seiten der einleitenden Kapitel verteilt, auch
wenn ich mir mehr Details in dieser Richtung gewünscht hätte. Die
Abenteuer (s. u.) zeigen am Beispiel, wie die Dreamlands benutzt werden können,
aber ein paar zusätzliche handfeste Ratschläge hätten dem Buch
nicht geschadet.
Die nächsten 110 Seiten beschreiben die bizarren Länder, wundersamen
Orte und unheimlichen Wesen und Götter. Auch die neuen Zaubersprüche
befinden sich auf diesen Seiten. Die Örtlichkeiten erhalten dabei leider
nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdient hätten. Jedem Ort ist nur ein
kurzer Eintrag gewidmet. Es wäre schön gewesen, wenn wenigstens an
ein oder zwei Stellen die Kamera näher an das Geschehen herangegangen wäre
und uns ein paar Details offenbart hätte. Eigentlich mag ich kurze Weltbeschreibungen,
weil sie dem Spielleiter Ideen geben ohne Grenzen zu setzen, aber die Traumlande
sind so andersartig, dass es sehr schwer ist, Details selbst einzufügen.
Den zweiten Teil des Buches bilden die Abenteuer, die eine große Bandbreite
an Einsatzmöglichkeiten für die Traumlande abdecken. Sie spielen vollkommen
oder teilweise in den Traumlanden und mehr als eines erzählt eine Geschichte,
wie die Traumlande in die wache Welt vordringen wollen und besiegt werden müssen.
Mit Abstand das beste Abenteuer ist ohne Frage "Pickman’s Student", das auch schon in der letzten Auflage enthalten war. In ihm können die Charaktere erfahren, wie gefährlich es sein kann, wenn Wesen der Traumlande versuchen, in unsere Welt zu gelangen. Das Abenteuer ist aufgrund seines übersichtlichen aber nicht zu gradlinigen Plots recht einfach zu leiten; es ist spannend, gruselig und gefährlich. Von subtiler Stimmung bis zu einer Flucht vor hunderten von Zombies ist alles enthalten. Es ist eines der beiden besten Cthulhu-Abenteuer, die ich kenne.
"The Land of Lost Dreams" bietet eine ganz andere Art von Abenteuer. Die Charaktere erleben Schreckliches in einem Krankenhaus, was sie hoffentlich motiviert, auf eine längere Reise in den Traumlanden zu gehen, um größeres Unheil zu verhindern. Das Abenteuer stellt hohe erzählerische Ansprüche an den Spielleiter und liefert Details über die vorkommenden Traumlande-Orte, wie ich sie in den allgemeinen Beschreibungen vermisse. Die detailreiche und atmosphärisch dichte Art sorgt in diesem Fall aber leider auch für einen sehr gradlinigen Plot, bei dem die Handlungen der Charaktere viel zu wenig Einfluss auf die Geschichte haben. Das Ende ist recht eigenartig und besteht eigentlich nur aus ein paar Fragen, die den Charakteren gestellt werden und deren Antworten der Spielleiter bewerten muss. Je nach Urteil des Spielleiters sind die Charaktere am Ende erfolgreich oder nicht. Das Abenteuer ist dennoch eine Bereicherung für das Buch – selbst wenn es nur als detailreiches Beispiel dienen sollte, wie die Traumlande beschrieben werden könnten.
Die anderen Abenteuer variieren sehr stark in ihrer Qualität. Die Bandbreite reicht vom 2-Seiten-Einführungsszenario, das den Namen „Abenteuer“ nicht verdient (es passiert absolut nichts!) über Abenteuer, die noch viel Ausarbeitung vom Spielleiter benötigen bis hin zu "Seasons of the Witch", das aufgrund seines abwechslungsreichen und spannenden Plots erwähnenswert ist, auch wenn die Handlung ein paar Schwächen aufweist.
Den Abschluss des Buches bilden Regeln zur Erschaffung eines Traumland-Charakters einschließlich Waffenliste und Beschreibung neuer und veränderter Fertigkeiten. Sollte eine Gruppe Interesse daran haben Fantasy-Cthulhu zu spielen, dann findet sie auf diesen Seiten die benötigten Regelerweiterungen (vorausgesetzt die Spieler besitzen nicht ohnehin schon Cthulhu 1000 AD und benutzen die dort beschriebenen Regeln).
Trotz der Kritik ist Dreamlands ein faszinierendes Buch, das den Cthulhu-Mythos in Bereiche trägt, die sonst wenig beschritten werden. Es fehlen zwar ein paar ausführlichere Spieltipps und einige der Abenteuer lassen zu wünschen übrig (allerdings ist "Pickman’s Student" schon fast allein wert, das Buch zu kaufen), aber insgesamt weiß das Buch zu überzeugen. Die deutsche Traumlande-Box ist ein gesuchtes Sammlerstück, für das man viel Geld bei Ebay bezahlen muss. Die neue Auflage der Dreamlands ist für alle, die des Englischen mächtig sind, eine hervorragende Alternative.
Fazit: Dreamlands beschreibt eine reizvolle Welt, die Fantasy und Lovecraft-Horror zu etwas Einzigartigem vermischt. Wenn auch nicht perfekt, so ist es doch gut genug, um jede Sammlung zu bereichern – und wenn ihr neue Ansätze für eure Cthulhu-Kampagne sucht, dann werdet ihr in den Ländern der Träume sicher fündig. Vier von fünf Sternen.
[ Dreamlands, Chaosium, Sprache: Englisch, Hardcover, 256 Seiten, $ 34,95 ]