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Rezensionen
Dogs in the Vineyard
„Der Ladenbesitzer von Back East? Seine Frau ist nicht wirklich seine Frau. Er ist ein Zuhälter und sie ist die verfügbare Frau. Die Heirat ist nur eine Fassade.
Der Sohn deines Bruders, dein Neffe, ist vierzehn Jahre alt. Er hat Geld von seinem Vater, deinem Bruder, gestohlen und hat es zu dieser Frau getragen.
Dein Bruder ist fruchtbar zornig, gedemütigt vom Diebstahl seines Sohnes und in Trauer über den Verlust von dessen Jungfräulichkeit. Er will sie erschießen.
Was tust du?“
Dogs in the Vineyard ist ein Rollenspiel, das ganz frisch der Spieleschmiede The Forge entsprungen ist. Das kleine Spiel wird sowohl als pdf-Datei, als auch als Buch auf der Homepage des Autors verkauft ($14 bzw. $22 plus Zuschlag für Überseeverschiffung).
Grafisch ist nur das Cover des Buches interessant. Das Titelbild, das zwei mögliche Spielercharaktere in ihren typischen Mänteln zeigt, ist sehr gut gelungen. Der Rest des Heftes ist nicht illustriert. Wesentlich bunter als die Seiten ist der Schreibstil. Vincent Baker, der Autor, hat einen wunderbaren, sehr direkten Schreibstil. Seine Worte sind leicht verständlich, und, besonders wenn er seine Meinung zu etwas äußert, immer sehr unterhaltsam.
Die Spieler verkörpern Gottes Wachhunde in einem magischen Wilden Westen, wie er niemals war. Es gibt nur einen Glauben in der unwirtlichen Gegend am Rande der Wüste, der einfach nur The Faith genannt wird (und übrigens der Mormonenkirche ziemlich ähnlich ist). Die Dogs sind Gesetzeshüter, die durch die Lande ziehen, um ihren Glauben zu vertreten und Ketzer und Sünder zu bestrafen oder zu bekehren. Es sich rechtschaffene Menschen, die versuchen Gutes zu tun und Heil und Glück unter den Menschen zu verbreiten.
Doch wie werden sie auf Verfehlungen und Unrecht reagieren? Werden sie die Schuldigen strafen oder Vergebung walten lassen?
Das Spiel ist wie eine Fernsehserie aufgebaut. Jede Folge kommen die Charaktere in ein neues Dorf und versuchen nach bestem Wissen und Gewissen für Recht und Ordnung zu sorgen. Doch das ist nicht immer einfach, denn oft genug kann nicht gesagt werden, wer der Böse ist. Wenn eine Frau z. B. den ketzerischen Gedanken verbreitet hat, dass Frauen mehrere Männer haben dürfen sollten, dann hat sie vielleicht einen sehr sanften, liebevollen Mann getroffen, bei dem sie sich ausheulen konnte, wenn ihr Ehemann sie mal wieder wie Dreck behandelt hat. Aber die Ehe ist heilig, deshalb erduldet sie die Launen ihres Mannes stumm. Aber es sollte auch für sie eine Möglichkeit geben, jemanden zu haben, der nicht so ist, oder? Alles andere wäre ungerecht. – Oder? Leider haben ihre ketzerischen Gedanken Dämonen in das Dorf gelassen, die Übel und Gewalt säen.
Auftritt Spieler. Wie werden sie reagieren? Werden sie die Frau wegen ihres Ehebruchs bestrafen? Den Mann zurechtweisen?
Die Beschreibung der Welt von Dogs in the Vineyard beschränkt sich fast vollkommen auf die Erklärung, wie das Leben der Menschen funktioniert (Organisation, Rechte und Pflichten des Einzelnen, Liebe und Heirat, …) und wie Stolz, Sünde und Dämonen es stören können. Außerdem gibt es detaillierte Tipps, wie man ein Dorf aufbaut. Der Rest ergibt sich aus der jeweiligen Situation: Man hat ein Dorf, Personen mit Zielen und Problemen und die Charaktere, die dort hineinplatzen und versuchen die Probleme aufzudecken und zu lösen.
Das Regelsystem ist kurz und schlüssig, weicht aber in einigen Punkten vom normalen Rollenspielfutter ab. Wenn auch für den „normalen“ Rollenspieler etwas gewöhnungsbedürftig, lohnt es sich trotzdem sich in die Regeln hineinzudenken. Das System zur Handhabung von Konflikten ist nämlich ein Geniestreich sondergleichen. Nicht nur werden erzählerische Aspekte in den Vordergrund gerückt, es hat auch taktische Elemente und gibt einem Konflikt die Möglichkeit zu eskalieren.
Bei der Charaktererschaffung werden zunächst einmal auf ein paar feste Attribute und auf frei wählbare Fertigkeiten, Gegenstände und auch auf Beziehungen zu anderen Personen Würfel verteilt. Diese kommen bei Konflikten zum Einsatz.
Das Zitat aus dem Regelbuch am Anfang der Seite gibt gut wieder, wie ein Konflikt beginnen könnte. Es geht nicht unbedingt um Kampf; jeder Konflikt wird gleich behandelt. Beginnt ein Konflikt, werden die Würfel von zwei Attributen geworfen und bleiben auf dem Tisch liegen. Jetzt beginnt ein Bietwettbewerb: Der „Angreifer“ wählt zwei Würfel aus und „erhöht“, wobei das Erhöhen erzählerisch umgesetzt werden muss.
„Ich stelle mich meinem Bruder in den Weg: ‚Du bist doch sonst ein vernünftiger Mann. Beruhige Dich und geh nach Hause, sonst gibt es nur ein Unglück.’“
Der Verteidiger muss mitziehen oder sich geschlagen geben.
„Geh mir aus dem Weg, ich habe etwas zu erledigen.“
Jederzeit besteht die Möglichkeit auf Fertigkeiten oder Besitztümer zurückzugreifen, die dementsprechend Zusatzwürfel bringen, die sofort gewürfelt werden. Außerdem kann man den Konflikt eskalieren lassen, in dem man von Unterhaltung auf Nahkampf oder Pistoleneinsatz wechselt. Das bringt zusätzliche Würfel, aber lenkt den Konflikt auch in eine eventuell ungewollte Richtung. Schaden etc. ergibt sich alles aus dem Bieten.
Szenen, wie sie typisch sind für Geschichten in der gewünschten Art, sind mit diesem System kein Problem. Man kann sich leicht vorstellen, wie eine eigentlich harmlose Diskussion in einen ungewollten Schusswechsel mündet.
Fazit: Dogs in the Vineyard ist ein kleines Rollenspiel mit unglaublichem Potenzial. Hier können wirkliche Geschichten erzählt werden, ohne vorgefertigten Plot aber mit echten, schwierigen Entscheidungen. Es ist ein sehr moralisches Spiel. Ein echtes Juwel. Fünf von fünf Sternen.
[ Dogs in the Vineyard, Lumpley Games, Sprache: englisch, pdf-Datei/Softcover, 98 Seiten, $14/$22 plus Zuschlag für Überseeverschiffung]