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Rezensionen

Der Mann ohne Gesicht

„Der Mann ohne Gesicht“ ist nicht das typische Buch, das man vom Festa-Verlag erwarten würde. Es ist eine Sammlung von 100 kurzen Anekdoten, die von Boris Koch zu Papier gebracht wurden, den manche vielleicht von der Zeitschrift Mephisto kennen.

Das Cover ist sehr passend zum Inhalt wie die erste Seite einer Zeitung der Yellow Press gestaltet, einschließlich Leseproben mit dem Verweis auf die jeweilige Seite des Buches und bizarren Fotos. Das Buch hat ca. 220 Seiten und ist matt cellophaniert.

Um zu verstehen, was für Geschichten einen bei der Lektüre des Buches erwarten, muss man den Begriff „Wandersage“ kennen. Wandersagen sind diese unglaublichen Geschichten, die man von Freunden erzählt bekommt: Einem Bekannten von einem Bekannten ist irgendetwas passiert, was sich zu erzählen lohnt. Ob das nun die berühmte Riesenspinne in der Yucca-Palme ist oder das Mädchen, das bei Ikea verschwunden ist und später in einem neuen Kleid in der Toilette gefunden wurde – jeder kennt diese Geschichten. Und genau diese Art Geschichten hat Boris Koch für dieses Buch gesammelt.

Die Titelgeschichte erzählt von einem Mann, der aus Spaß PCP ausprobiert und sich unter dem Einfluss der Droge mit einem Messer dermaßen das Gesicht verstümmelt, dass er Zeit seines Lebens Schmerzen haben wird. Ich selbst habe eine ähnliche Geschichte gehört (und bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob das eine Radiomeldung oder die Erzählung von einer angeblichen Radiomeldung war) in der sich ein 17-jähriger Junge einen Tee aus Engelsblüten gekocht hat und sich unter dem Einfluss der Halluzinationen, die diese (übrigens wirklich gefährliche) Pflanze verursachte, mit einer Heckenschere Penis und Zunge abschnitt. Ganz offensichtlich handelt es sich um eine weitere Version der Wandersage.

Die anderen Geschichten sind in ähnlichem Stil, auch hier könnte es sein, dass man so etwas Ähnliches schon einmal gehört hat. Sprengstoff auf dem Rücken von Hunden, die im Krieg eingesetzt wurden oder ein Lollie, die von einem Airbag in den Rachen eines Mannes gerammt wurde: Bizarr und unter den richtigen Umständen erzählt, sogar fast glaubwürdig.

Die Erzählweise ist weniger analytisch, wie es in anderen Büchern über Wandersagen bereits zu finden ist, sondern eher auf den Unterhaltungswert ausgelegt. Fast keine der Geschichten ist länger als zwei Seiten. Thematisch nach Storys z. B. über Sex oder Krieg reiht sich groteske Anekdote an groteske Anekdote. Manchmal musste ich fast Lachen, denn die Zeilen lasen sich wie ein makaberer Witz. Und an anderen Stellen konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen, weil die Idee nicht nur gemein, sondern auch sehr einfallsreich war (wer auch immer sie sich ursprünglich ausgedacht haben mag).

Was man beim Kauf von „Der Mann ohne Gesicht“ allerdings nicht erwarten darf, ist spannende Unterhaltung, wie man sie von Kurzgeschichten oder einem Roman kennt. Das Buch stellt eher eine Kuriositätensammlung dar als eine Kurzgeschichtensammlung.

Es war interessant durch das Buch zu stöbern, auch wenn natürlich nicht jede Geschichte gefallen kann. Ob man Spaß an so einem Buch hätte oder nicht, muss allerdings jeder selbst entscheiden.