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Rezensionen
Cthulhu 1000 AD
[ Da ich an diesem Band ein wenig mitgearbeitet habe, musste sich diesmal jemend anderes für die Rezension erbarmen. Vielen Dank an André Wiesler, dass er mir sie für meine Seite zur Verfügung gestellt hat ]
Auf 114 schwarz-weiß Seiten (mit Farbcover) beschreibt Cthulhu 1000 AD die Welt der Jahre 950 bis 1050 nach Christus. Der Autor Stéphane Gesbert hat es, unterstützt durch Hannes Kaiser und Frank Heller, geschafft, diese wahrhaft finstere Phase des Mittelalters komprimiert aufzubereiten.
Die Autoren liefern kurze, aber aussagekräftige Ausrüstungslisten, einen Überblick der wichtigsten historischen und okkulten Ereignisse, ein aufschlussreiches Glossar und wichtige Persönlichkeiten der Zeit. Das Leben der verschiedenen gesellschaftlichen Schichten wird beleuchtet und ein (sehr) kurzer Überblick über die bekannte Welt gegeben.
Hier werden schnell die Grenzen des Quellenbuches deutlich: Aufgrund der begrenzten Seitenzahl und vermutlich auch der schwierigen Quellenlage können diese fundierten Abschnitte nur einen groben Einblick geben. Auch wenn bei Cthulhu die Charakteridentifikation schon wegen der hohen Sterblichkeit bewusst nicht in dem Masse gefördert wird, wie es bei anderen Rollenspielen der Fall ist, wird der Spielleiter für eigene Szenarios weiterführende Informationen benötigen. Die sind für das Jahr 950 aber bei weitem nicht so einfach zu beschaffen wir für die Gaslight Ära oder die 1920er. Es besteht darum die Gefahr, dass er sich bei vertrauteren Weltmodellen bedient, und eine mittelalterliche Welt mit Monstern und Zaubern (siehe unten) hat von Natur aus starke Schnittpunkte zur Fantasy. Es liegt darum an den Spielern und dem Spielleiter zu gleichen Teilen, Cthulhu AD nicht zu „Horror D&D“ werden zu lassen.
Die Regeln werden selbstredend an die Epoche angepasst (man benötigt dennoch ein Cthulhu-Grundregelwerk). Es werden neue Fertigkeiten wie Gebräuche, Reparieren/Ersinnen oder Status eingeführt und dem Spieler stehen 20 passende Berufe (vom Assessor über Gelehrten, Spielmann, Mönch und Priester bis zum Waldläufer) zur Verfügung.
Er wird mit zeitgemäßen Namen für seinen Charakter versorgt und erfährt das Wichtigste über Wahnsinn, Krankheiten, Gift und Fortbewegung im finsteren Mittelalter. Was vorhanden ist, ist hervorragend recherchiert und geschrieben, aber auch hier hätte man sich stellenweise noch mehr Informationen gewünscht.
Ein - in meinen Augen unnötig umfangreiches - Grimoire stellt Sprüche von nicht-mythosbezogener Magie vor, von denen einzelne Berufe bereits bei der Charaktererschaffung einen oder zwei erlernen dürfen. Hier lauert in selbsterklärenden Sprüchen wie Blindheit, Heilung, Körperwandlung, Nebel oder Segne (Attribut) das Fantasy-Klischee in besonderem Masse, kann aber von bedachten Gruppen gemieden werden.
Mit dem Limbus wird eine neue Schrecklichkeit des Mythos eingeführt, eine geisterhafte Zwischenwelt, in welcher der Namenlose Nebel herrscht. In ihm sind unheilige, geisterhafte Wesen verborgen, die nur auf einen Unglücklichen oder auf eine Gelegenheit lauern, unsere Welt zu betreten.
Das Bestiarium beleuchtet kurz den Mythos in dieser speziellen Epoche, beschreibt mundane Tiere und neue Mythoswesen, klammert aber leider die besondere Stellung der Menschen zum Übernatürlichen weitgehend aus. Im Mittelalter war das Volk ja davon überzeugt, dass es Drachen, Monster, Vampire und andere Schrecken tatsächlich gibt, das moderne Leugnen fehlt - wie wirkt sich so etwas auf den Stabilitätsverlust aus? Wie gehen die Menschen damit um, wenn einer der Ihren von Monstern getötet wurde - ist es Schicksal oder eine Gottesstrafe? Diese Fragen behandelt Cthulhu 1000 AD leider nicht weiter.
Gut ein Drittel des Quellenbuches wird vom Abenteuer „Die Gruft“ eingenommen, über das an dieser Stelle nicht mehr verraten werden soll, als das es stimmungsvoll geschrieben ist und die Spieler stark fordern wird. Gelungene Handouts und Spielleitertipps runden es ab.
Fazit: Ein hervorragend recherchiertes, gut geschriebenes Quellenbuch, das für jeden geeignet ist, der sich Cthulhu abseits der „großen“ Settings vorstellen kann. Man sollte sich der Gefahr in stereotype Fantasy abzurutschen bewusst sein und streckenweise hätte man sich mehr Informationen gewünscht. Trotz dieser kleinen Mängel hat Cthulhu 1000 AD - vor allem bei diesem Preis - eine ausgesprochene Empfehlung verdient!
André Wiesler für den Envoyer