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Rezensionen
Amerika - In Städten und Wäldern
Ein Quellenbuch über den Nordosten Amerikas in den 20er Jahren
In den Grundregeln für H. P. Lovecrafts Cthulhu ist eigentlich alles enthalten, was man zum Spiel benötigt. Sie sind wahrscheinlich die "komplettesten" Regeln, die es zur Zeit auf dem Rollenspielmarkt gibt. Die vollständigen Regeln, Monster und andere Wesen, Zaubersprüchen, Ausrüstungslisten und sogar Abenteuer sind enthalten - fast alles, was man braucht. Aber nur fast. Was fehlt, sind einigen Worte, die dem Spieler und natürlich auch dem Spielleiter die Zeiten und Orte näher bringen, in denen die Handlung angesiedelt ist. "Standard-Epoche" für Cthulhu sind die 20er Jahre, die Zeit also, in der Lovecraft seine meisten Geschichten geschrieben hat, doch was wissen wir schon über die "Wilden 20er"? Für ein Detektivspiel - und genau das ist ja Cthulhu die meiste Zeit - sind genaue Kenntnisse über die Welt, in der sich die Spielercharaktere bewegen, unerlässlich. Ist die Armbanduhr schon erfunden? Wie sieht eine Taschenlampe aus, und wie lange gibt sie Licht? Wo kann man Nachforschungen machen? Womit beschäftigen sich die Leute in ihrer Freizeit? All das sind Fragen, die während eines Spiels auftauchen können. Und all diese Fragen versucht das vorliegende Buch zu klären - und um es vorweg zu nehmen: es gelingt ihm.
Zunächst zum Äußeren des Buches: Der Einband ist im gleichen Stil, wie auch schon das Regelwerk und das Wales-Quellenbuch, d. h. optisch sehr gelungen, wenn man nicht gerade versuchen will, den Titel bei mäßigen Lichtverhältnissen zu lesen (geschweige denn den Klappentext auf der Rückseite). Auch das Innere hat sich nicht wesentlich verändert. Wieder wird fast vollständig auf Zeichnungen verzichtet. Statt dessen bekommt der Käufer alte Fotos. Die Schwarz-Weiß-Bilder unterstützen die Stimmung wesentlich besser, als es jede Zeichnung von einem Tentakelmonster jemals könnte.
Die ersten zehn Seiten geben einen kleinen Überblick über die Zwanziger Jahre mit all dem Aufschwung, der Kriminalität und den Gewerkschaften. Dieses kurze Kapitel wurde aus dem Investigators' Companion (Rezension im nächsten Envoyer) übernommen und gibt anschaulich ein grobes Gesamtbild der Zeit.
Kapitel zwei beschäftigt sich mit einigen nordamerikanischen Orten und besteht aus verschiedenen Unterkapiteln, die teilweise von Wolfgang Schiemichen für diesen Band angefertigt und teilweise aus anderen amerikanischen Quellenbüchern übernommen wurden. Die großen Städte werden dem Leser durch New York City und Chicago näher gebracht. Zunächst wird eine Schiffsankunft im New Yorker Hafen beschrieben, dann, in bester Reiseführer-Manier, Anlaufziele für Reisende, wie Restaurants, Theater und Hotels. Natürlich dürfen auch einige Worte über das Gefängnis ("Wohin man nicht kommen sollte"), über Bibliotheken und Archive und über schlechtere Viertel der Stadt nicht fehlen. Abgerundet wird dieser Teil von einer fiktiven siebentägigen "Touritour" durch NYC. Das sich anschließende Unterkapitel über Chicago ist wesentlich kürzer und dient hauptsächlich dazu, einen Gegenpol zur Geldstadt NYC zu schaffen.
Beschrieben werden die beiden Städte hauptsächlich aus der Sicht von drei Besuchern, z. B. einem russischen Einwanderer und einem Reporter. Ein genialer Schachzug von Wolfgang Schiemichen, denn die Darstellung aus der Sicht von Zeitzeugen macht die Darstellung subjektiv. Viel besser als durch eine objektive Beschreibung von außen kann sich der Leser so in die so bekannte und doch so fremde Welt hineinversetzen. Der Leser bekommt auf diese Weise ein gewisses Gespür für die Zeit vermittelt, das er wiederum in Abenteuern einsetzen kann.
Die Denk- und Lebensweise der amerikanischen Hinterlandbewohner folgt in nächsten Unterkapitel und wird wieder aus der Sicht eines Zeitzeugen beschrieben. Auf diese Einleitung folgen gekürzte Darstellungen der Siedlungen Arkham und Dunwich, beides Orte, in denen Lovecraft-Geschichten stattfanden und beides Orte, denen ein amerikanisches Quellenbuch gewidmet war. Aus Teilen dieser Quellenbücher setzen sich die beiden Unterkapitel dann auch zusammen. Wieder sind alle Informationen vorhanden, die man zum Spiel benötigt. Wo kann man nachforschen? Was für Menschen (Kriminelle und andere) leben dort? Wie sieht es dort aus? Was für Besonderheiten gab es in der Geschichte der Orte? Alles ist da.
Kapitel drei dreht sich um Berufe. In verschiedene Kategorien unterteilt werden auf 44 Seiten diverse Berufe mit Fertigkeiten, Kontakten und Einkommen beschrieben. Sicher der schwächste Teil des vorliegenden Bandes, aber trotz allem ein nützlicher. Jede Kategorie an Berufen beinhaltet einen Kasten, in dem berühmte Persönlichkeiten aus dieser Sparte beschrieben werden, was die Liste weniger "trocken" werden lässt.
Das nächste große Kapitel heißt "Was man wo bekommt und wie man's benutzt". Abgesehen von sehr viel Ausrüstung (Taschenlampen, Photoapparate, Waffen) findet man in diesem Abschnitt des Buches Tipps für Recherchen (auch wie sie spielerisch dargestellt werden können), Namen von Zeitungen aus aller Welt, Bibliotheken, Namen von Leuten, die die Spieler beraten können und allerlei Verkehrsmittel.
Ganz am Ende kommen dann noch einige Seiten über Polizei und Detektive, u. a. mit ein paar Zeilen, die die Gerichtsmedizin der 20er Jahre erläutern. Sehr witzig sind die nach Mythoswesen geordneten Beschreibungen von Todesarten, die den Band abschließen.
Insgesamt findet man also in Amerika - In Städten und Wäldern alles "Weltliche", das in einem Spiel jemals gebraucht werden könnte.
Fazit: Es ist immer verdächtig, wenn eine Rezension zu gut ist; so etwas macht den Anschein, als wäre der Rezensent zu sehr Fan, um ein neutrales Urteil fällen zu können. Ich habe aus diesem Grund lange nach einem Haken gesucht, aber ich habe einfach keinen gefunden. Die Aufmachung ist gut, die Informationen vollständig und interessant zu lesen. Die Bindung ist nicht perfekt, aber ok. Wenn Ihr jemals auf die Idee kommen solltet, im Nordosten Amerikas der 20er Jahre, Abenteuer erleben zu wollen, dann kauft dieses Buch.